Berlin : Astrologin Annett Klingner

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Was das Jahr 2007 bringt? Auf diese Frage gibt die kluge, groß gewachsene Frau mit den beneidenswert vielen lockigen schwarzen Haaren, dem dunklen Teint und den intensiven, großen braunen Augen keine simple Antwort. Der Grund ist nicht, dass sie nur mit einem Auge sieht. Die Zukunft ist ihr Geschäft. Sie liefert seit langen Jahren die Horoskope für viele bekannte Magazine und Zeitungen. Aber es geht, erklärt sie, dabei nicht um Vorhersagen, sondern darum „die Qualität der Zeit zu analysieren.“ Annett Klingner selbst ist im chinesischen Zeichen des Feuerpferdes geboren, das einem 6o-Jahre-Zyklus folgt. Ihre Begeisterung für die Astrologie verdankt die Ost-Berlinerin ihrem „supernetten Großvater“, der sensationell gärtnern konnte, weil er nach den Mondphasen gepflanzt hat.

Auf Wunsch ihrer Eltern hat sie Außenhandelskauffrau gelernt. Aber es fehlte ihr jedwede Zahlenbegeisterung. In den zwei Jahren bei Interflug lernte sie ihren ersten Mann kennen, 1988 wurde Sohn Martin geboren. Mit dem Mauerfall startete sie an der FU ihr Studium der Publizistik und der Theaterwissenschaften. Das Geld dafür hat sie nachts als Barfrau im Hilton verdient – und „sonst viel Kohl gemacht“, wie sie sagt. Es folgte ein Volontariat in München, der Magister in Berlin und eine Station als Pressesprecherin bei Radio RTL. Dort begann es mit den Horoskopen, die ein großes Echo bei den Hörern fanden und auch die Aufmerksamkeit des Chefredakteurs der Bild-Zeitung. Heute bedienen sich außer Springer Bauer, Burda und der Kelter-Verlag ihrer breiten astrologischen Bildung. So weiß sie zu berichten, dass Martin Luther seinen Geburtstag vorverlegt hat, weil sein wahres Horoskop ihn als wankelmütigen, fresssüchtigen Menschen dargestellt hat.

Man merkt auf, wenn eine so kundige Astrologin für das astrologische Jahr 2007, das erst mit der Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr beginnt, ein für alle glückliches Jahr verkündet. Mit dem Jupiter im Schützen entsteht eine allgemein positive Stimmung. Das spricht doch für die sehr optimistischen Prognosen, die ein kräftiges Wirtschaftswachstum von mehr als zwei Prozent sehen. Im Dezember erleben wir eine Konstellation, wie sie nur etwa alle 220 Jahre vorkommt. Das letzte Mal geschah die Französische Revolution. Pluto stand damals auch im galaktischen Zentrum.

Und weil die Astrologie in fast allen Kulturen eine so wichtige Rolle spielt, will die ehrgeizige Frau noch viel mehr darüber wissen. Deshalb studiert sie heute wieder Neuere Literatur, Kunstgeschichte und Mediävistik an der Humboldt-Uni. Ohne Kenntnis astrologischer Symbole, sagt sie, können wir weder die mittelalterliche Literatur noch die Malerei verstehen. Das Geld für das Studium verdient sie heute nicht mehr in Bars, sondern mit persönlichen Beratungen in ihrer Praxis in Schöneberg. Ihr zweiter Mann ist Bildhauer, anfänglich fand sie ihn „unheimlich arrogant“. Aber die Konstellation war offenbar nachhaltig gut. Der aufkommende Optimismus gilt also nicht nur für uns alle allgemein, sondern auch für ihre private Verbindung.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Annett Klingner (40). Die Astrologin hat einen Magister in Theaterwissenschaften und Publizistik und

studiert derzeit Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte und Mediävistik

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