Asyl in Berlin : Angekommen?

Über einige Menschen in diesem Beitrag hat der Tagesspiegel erst vor wenigen Monaten berichtet, bei anderen liegt es Jahre zurück. Sie alle fanden in Berlin Asyl - und haben sich ein neues Leben aufgebaut. Wir haben sie gefragt, wie es ihnen heute geht.

von , , und Lena Reich
Hanita Mousavi, 8 Jahre alt, fotografiert im September 2015 in ihrem Kinderzimmer in Berlin-Pankow.
Hanita Mousavi, 8 Jahre alt, fotografiert im September 2015 in ihrem Kinderzimmer in Berlin-Pankow.Foto: Thilo Rückeis

Hanita Mousavi: "Es ist, als hätte ich schon immer hier gelebt"

Sie war sechs Jahre alt, da floh Hanita mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland. Mehr als ein Jahr lang lebten sie danach in einem Pankower Flüchtlingsheim. Heute haben sie eine eigene Wohnung – und die achtjährige Hanita ihr eigenes Zimmer.

Hanita kann jetzt ihre Tür schließen, wann sie will, kann mal alleine sein, ihre Ruhe haben. Als der Tagesspiegel im Februar über sie berichtete, lebte Hanita noch mit ihren Eltern in einer Flüchtlingsunterkunft in Pankow. Die drei teilten sich einen 23 Quadratmeter großen Raum. Mehr als ein Jahr lang waren sie schon auf der Suche nach einer eigenen Wohnung gewesen – im April war es dann so weit: Der Unterstützerkreis der Flüchtlingsunterkunft vermittelte eine Wohnung in Prenzlauer Berg. Sie liegt im Erdgeschoss: zwei Zimmer und eine offene Küche mit geräumigem Wohnzimmer. Eine kleine Tür führt in den Hinterhof mit Garten. Rutsche, Sandkasten, Baumhaus, ein Grill mit Tisch und Stühlen.

Manchmal, wenn Hanita in diesen Tagen aus dem Hort kommt, sitzt sie einfach nur da und betrachtet ihr Zimmer: Da steht ein weißes Himmelbett mit Rosenapplikationen auf dem Baldachin. Der Boden wird von einem pinkfarbenen Teppich bedeckt, in der Mitte prangt ein Einhorn. Auch von der Decke hängt eine Lampe in Form eines Einhorns. Und im Eckregal stehen Plüsch-Einhörner, große und kleine, rosa, lila, weiß, grau. „Ich weiß, dass es in Wirklichkeit keine Einhörner gibt. Pferde sind meine Lieblingstiere“, sagt Hanita in perfektem Deutsch. Bisher hat sie erst ein einziges Pferd gesehen, auf dem Alexanderplatz. Das Mädchen grinst – und wiehert zum Spaß.

Ihre Lieblingsfächer sind immer noch Mathe und Sport

Auch Hanitas Eltern sind glücklich über die neue Bleibe. Gastfreundschaft ist im Iran wichtig. Nach der langen Zeit in der Enge des Heims genießen es die Mousavis, wieder Besuch empfangen zu können. Der Tisch ist gedeckt. Es gibt Tee, persisches Baklava und einen Bärchenkuchen mit bunten Zuckerstreifen. Hanita ist gewachsen. Es braucht nicht mehr viel und sie ist so groß wie ihre Mutter, die 47-jährige Negar, die gerade Tee nachschenkt. Eigentlich sei alles beim Alten geblieben, erzählt Hanita. Ihre Lieblingsfächer sind immer noch Mathe und Sport. Oh, in den Sommerferien hat sie die Seepferdchen-Prüfung geschafft. Sie wiehert wieder und galoppiert aus dem Raum.

Hanita Mousavi im Februar 2015.
Hanita Mousavi im Februar 2015.Foto: Mike Wolff

Die Flucht, der Umzug aus dem Heim und der damit verbundene Schulwechsel – all das scheint ziemlich spurlos an Hanita vorbeizugehen. Die Fotos, die im Zimmer des Mädchens an der Wand hängen, erzählen von einem anderen Leben: Vater Mahmoud, heute 35, trägt damals noch eine schwarze Tolle auf dem Kopf, Mutter Negar ein leichtes Kopftuch. Seit die Familie den Iran vor zwei Jahren verlassen hat, hat sie es abgelegt. An diese alte Heimat kann sich Hanita nicht erinnern. Für sie ist es, als habe sie schon immer in Berlin gelebt. Hier hat sie Freunde: Pia, Leonie, Alica, Aliya und nicht zuletzt Matteo, der mit ihr nicht nur in dieselbe Klasse geht, sondern auch im selben Haus wohnt. Zur Schule fährt Hanita mit einem lila Kinderrad – Tagesspiegel-Leserin Waldtraud Braun schenkte es ihr, nachdem Hanita in der Zeitung ihre Geschichte erzählt und von ihrem größten Wunsch berichtet hatte: einem Fahrrad.

„Wir sind sehr dankbar für das Glück, das wir gehabt haben. Und für die freundlichen Nachbarn“, sagt Hanitas Mutter und schenkt Tee nach. Ihre Haare sind blondiert. An den Wänden hängen ein Kruzifix, eine Ikone und ein Bild mit einem persischen Spruch. Die Übersetzung will nicht recht gelingen, Negar besucht zwar einen Deutschkurs, spricht dort aber auch viel Persisch mit den anderen Teilnehmerinnen. Während die Mutter redet, hält Hanita sich verschämt die Ohren zu. Ihr ist es peinlich, das gebrochene Deutsch zu hören.

Noch immer wartet die Familie auf ihre Anhörung, nach der über den Asylantrag entschieden wird. Syrer hätten derzeit Vorrang, habe das Amt gesagt. Mahmoud ist optimistisch: „Ich glaube nicht, dass sie uns wieder fortschicken werden. Dafür bleibt der Iran doch viel zu gefährlich für uns.“ Lena Reich

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