Asylunterkünfte in Potsdam : Flüchtlinge in die Tropenhalle?

Potsdam sucht verzweifelt mehr Flüchtlingsunterkünfte. Dabei nehmen die Behörden auch die Biosphäre und den Filmpark Babelsberg ins Visier.

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Defizitär. Die Biosphärenhalle zieht weniger Besucher an als erwartet. Die daneben gelegene Orangerie ist jetzt als Flüchtlingsunterkunft im Gespräch.
Defizitär. Die Biosphärenhalle zieht weniger Besucher an als erwartet. Die daneben gelegene Orangerie ist jetzt als...Foto: Karlheinz Schindler, dpa

Die Behörden in der Region Potsdam greifen jetzt für die Unterbringung von Flüchtlingen zu Notmaßnahmen. Die Landeshauptstadt prüft nach Informationen des Tagesspiegels inzwischen, ob die Tropenhalle „Biosphäre“ und der Babelsberger Filmpark als Asylunterkünfte genutzt werden können.

Bei der Tropenhalle gehe es um einen Teilbereich, die als Veranstaltungsraum für bis zu 500 Gäste genutzte Orangerie, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow am Donnerstag. In dieser Halle seien zum Beispiel auch „Haus-in-Haus“-Lösungen zur Unterbringung vorstellbar, Flüchtlinge könnten dann in Zelten oder neuen Hallen innerhalb der Orangerie eine Bleibe finden. Die Tropenhalle und Ausstellungsräume selbst, die 70 Prozent der Anlage ausmachten, seien nicht betroffen. Entschieden sei allerdings noch nichts, betonte Brunzlow. Nach seinen Angaben prüft die Stadtverwaltung derzeit mehr als 50 Standorte.

Die Tropenhalle kostet mehr als 1,5 Millionen Euro jährlich

Die Biosphäre wurde 2001 zur Bundesgartenschau gebaut. Sie kostete 29 Millionen Euro, 21,5 Millionen davon waren Fördermittel. Mit 300 000 Besuchern pro Jahr rechnete man damals. Doch diese Zahl wurde nur anfangs erreicht, inzwischen kommen lediglich bis zu 160 000 Gäste pro Jahr, um die selbst im Winter sommerlich warme Halle mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt zu erleben. 2007 meldete der erste Betreiber Insolvenz an, eine Tochter der städtischen Bauholding Pro Potsdam übernahm. Ausschreibungen, um einen neuen Investor zu finden, scheiterten. Wegen der hohen Folgekosten landete die Biosphäre bereits im Schwarzbuch des Steuerzahlerbunds. Denn die Stadt unterstützt die künstliche Tropenwelt seit 2007 jährlich mit mehr als 1,5 Millionen Euro. Sie will dem defizitären Betrieb schnellstmöglich ein Ende bereiten und das Haus ab 2018 anders nutzen.

Mit fünf Interessenten habe es bereits Gespräche gegeben

Die seit einem knappen halben Jahr laufende Suche nach einem Investor für die Biosphäre gestaltet sich aber schwierig. Es gibt zwar noch keine formelle Bewerbung für die defizitäre Tropenhalle. Mit fünf Interessenten habe es aber zumindest bereits Gespräche gegeben, heißt es. Einer der möglichen Bewerber: der Träger des privaten Leonardo-da-Vinci-Campus in Nauen (Havelland), der schon weitere Ableger in anderen Bundesländern hat. Auf einem 40 000 Quadratmeter großen Gelände werden in Nauen 1000 Kinder in einer Grund- und Gesamtschule sowie einem Gymnasium unterrichtet, dazu kommen unter anderem ein Kindergarten, ein Internat und sogar eine Sternwarte. Ein ähnlich ambitioniertes Konzept kann sich Gesellschafter Rolf Wettstädt auch in der Biosphäre vorstellen, wie er auf Anfrage sagte.

Als Asylunterkünfte kommen auch leer stehende Außenflächen des Filmparks in Betracht. Dessen Chef Friedhelm Schatz bestätigte die Gespräche mit der Stadtverwaltung. „Ich habe signalisiert: Wenn ich helfen kann, helfe ich“, sagte Schatz. Weitere Gespräche sind demnach geplant. Auch der Sportpark Luftschiffhafen ist in die Überlegungen einbezogen. Zudem plant Potsdam insgesamt acht winterfeste Leichtbauhallen mit Platz für je 40 Menschen teils auf Sportplätzen. Zudem mietet die Stadt zwei leer stehende Wohnhäuser nahe der Glienicker Brücke an. Zelte und Turnhallen als Unterkünfte sollen vermieden werden. Potsdam muss 1600 Flüchtlinge aufnehmen. 850 werden bis zum Jahresende noch erwartet.

Das Landratsamt Potsdam-Mittelmark verschickte einen Notruf. „Der Landkreis ist bei der Unterbringung von Asylbewerbern am Limit“, hieß es in einem Presseinfo. Jetzt gehe es nur noch darum, hunderte Flüchtlinge irgendwo warm und trocken unterzubekommen. Dringend würden auch private Unterkünfte gesucht.

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