Berlin : Atemlose Stadt, atemberaubende Blicke

Ein opulenter Bildband führt durch Höhen und Tiefen der vergangenen 150 Jahre Berliner Geschichte

Lars von Törne

Vielleicht ist ja doch was dran am Diktum des Publizisten Karl Scheffler. Berlin sei dazu verdammt, ewig zu werden, niemals zu sein, hat der geschrieben. Wer den Satz aus dem frühen 20. Jahrhundert für eine klischeehafte Übertreibung hält, wird durch den neuen Bildband „Berlin – Porträt einer Stadt“ eines Besseren belehrt. Das opulente Buch im Kaffeetischformat führt mit kurzen, einfühlsamen Texten des Autoren und Herausgebers Hans Christian Adam und vor allem mit großartigen Aufnahmen von 280 Fotografen vor, wie viele unterschiedliche Gestalten diese Stadt im Laufe ihrer Entwicklung schon angenommen hat.

Der Berliner Senat hat kürzlich für seine neue Berlin-Kampagne den Slogan „Stadt des Wandels“ vorgeschlagen – dieses Buch liefert dafür den visuellen Unterbau, vom Aufstieg der Stadt im 19. Jahrhundert zum „Spree-Chicago“, wie es Walther Rathenau einst nannte, bis in die unmittelbare Gegenwart der „Sehnsuchtsmetropole“, wie der Schriftsteller Peter Wawerzinek seine Heimatstadt liebevoll bezeichnete.

Wie nah die Extreme in Berlin immer schon beieinander lagen, zeigen besonders beeindruckend die Bilder aus früheren Epochen, zum Beispiel aus den ersten Jahrzehnten nach Gründung des deutschen Reiches 1871. Bilder von gigantischen Baustellen wie der des Reichstags, neuen Prachtboulevards wie Unter den Linden und Menschen in hektischer Aufbruchsstimmung werden hier kontrastiert durch Fotos von unglaublicher Armut in menschenunwürdigen Hinterhofbehausungen. Diese Bilder erinnern daran, dass trotz eines bis dahin ungekannten Aufschwungs die Lebenserwartung gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin für Männer bei 30 Jahren und für Frauen bei 35 lag.

Es ist eine atemlose, atemberaubend wirkende Stadt, die vor allem die Bilder aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vorführen. Ein Schmelztiegel der Kontraste ist die rasant wachsende Hauptstadt des Deutschen Reiches, „amerikanisch, aber mit Pickelhaube“, wie der amerikanische Regisseur und Weltreisende Burton Holmes damals bei einem Besuch feststellte. Auf Dutzenden von Porträts sind sie zu sehen, die Männer und Frauen, die das Berlin geschaffen und geprägt haben, wie wir es in Teilen bis heute kennen: Die Arbeiter, die die ersten Hochbahntrassen, U-Bahntunnel und die Bauten auf der Museumsinsel errichteten, dazu Pferdekutscher, Scherenschleifer, Zeitungsverkäuferinnen, spielende Kinder im Rinnstein.

Glamouröse Fotos von Marlene Dietrich und Josephine Baker kontrastieren mit Bildern der wachsenden politischen Spannungen. Im Zeitraffer geht es durch die dramatischen Umbrüche zwischen Erstem Weltkrieg und der Machtergreifung der Nationalsozialisten, seltene Farbfotos zeigen Berlins Stadtmitte im schwarz-rot- weißen Hakenkreuzmeer. Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau, Neuanfang, Teilung, Mauerbau, Studentenbewegung, Normalisierung, Mauerfall, Wiedervereinigung, erste Schritte als neu vereinte Stadt – jede Wendung in der ruhelosen Stadtgeschichte wird durch spektakuläre Fotos illustriert, die oft von namhaften Fotografen stammen, darunter Henri Cartier-Bresson. Helmut Newton, René Burri oder Robert Capa.

Berlin sei eine entwurzelte Stadt, hat der britische Poet Stephen Spender einst behauptet. Dieses Buch zeigt, dass er recht hatte – und zugleich doch auch das Gegenteil wahr ist, denn selten hat man die reichhaltigen, bis heute wirkenden Wurzeln der Stadt so kunstvoll und anschaulich präsentiert gesehen wie hier. Wer Berlin als sich ständig wandelnden Organismus besser verstehen will, hat mit diesem Buch die Anleitung dazu.

Die Spannweite der Fotos reicht bis in die Gegenwart, bis zum von Christo spektakulär verhüllten Reichstag und dem neu bebauten Potsdamer Platz. Und die Betrachter und Leser können nach der Betrachtung der fast 700 großformatigen Kunstdruckseiten vielleicht dem Musiker David Bowie beipflichten, der seiner vorübergehenden Heimatstadt einst attestierte, sie sei ein „zerstörtes Schutzgebiet“ – der ideale Ort, „um sich zu verlieren, aber auch um sich selbst zu finden“.

Berlin – Porträt einer Stadt, Hg. Hans Christian Adam, Texte in Deutsch, Englisch und Französisch, Hardcover, 672 Seiten, Taschen-Verlag, 49,99 Euro

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