Berlin : Atomare Hilflosigkeit

Die „Bombe“ nützt nichts gegen Iran, aber Sabotage vielleicht Von Michael Wolffsohn

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Zwei Großgefahren bedrohen die Welt. Erstens die weltweit zunehmende nukleare Aufrüstung von Staaten, besonders von „Schurkenstaaten“ iranischer Art. Zweitens die „schmutzige, radioaktive Bombe“ oder die biologische und chemische „Keule“ im Besitz nichtstaatlicher Akteure, Terroristen also.

Sowohl die USA als auch Israel haben klar signalisiert, dass sie die atomare Gefahr durch Iran nicht hinnehmen wollen. Beide könnten einen nuklearen Erstschlag Teherans präventiv konventionell und atomar verhindern oder reaktiv einen nuklearen Zweitschlag führen, nicht zuletzt mit U-Booten – Israel mit deutschen.

Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Deutschlands Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) haben nun zwei Gegenstrategien präsentiert. Chirac erinnerte Iran an Frankreichs nukleare Option, Scholz schlug für den „Notfall“ die atomare Aufrüstung Deutschlands im Kampf gegen „einen Terrorstaat“ vor.

In Deutschland prägte, wie meistens, kurzfristige Aufregung die Qualität der Diskussion, mehr Reflexe als Reflexionen bestimmten die Reaktion. Dabei wären vitale Fragen zu stellen. Beispielsweise diese: Bedroht Iran Deutschland, Frankreich und Europa? Eher nein, er bedroht Nahost, besonders Israel, sowie die USA. Diese beiden Staaten sind jedoch fähig und willig, sich der iranischen Bedrohung alleine zu widersetzen, siehe oben.

Könnten iranische Atombomben Deutschland, Frankreich und Westeuropa erreichen? Heute nein, morgen oder übermorgen sehr wohl. Irans heutige Raketen fliegen etwa 800 Kilometer weit. Fieberhaft arbeitet Teheran an Langstreckenraketen.

Nichtstaatliche Akteure, Terroristen, mit oder ohne iranische Hilfe, können Deutschland, Frankreich und Europa bedrohen. Innenminister Wolfgang Schäuble sagt es so: Nicht ob es einen Terroranschlag mit einer „schmutzigen Bombe“ geben werde, sondern wann und wo, sei offen. Ähnlich formulierte es Bayerns Innenminister Günther Beckstein.

Hilft die französische oder eine etwaige deutsche A-Bombe gegen Anschläge nichtstaatlicher Terroristen? Nein. Wie und in welcher Himalaya-Höhle sollte sie Osama bin Laden oder Al-Qaida-Zellen irgendwo in Westeuropa, mitten in unseren Städten, oder in Städten des Iraks oder Indonesiens treffen? Hilf- und konzeptionslos wäre ein atomarer Schlag Frankreichs oder Deutschlands gegen nichtstaatliche Terroristen. Er träfe ins Nichts, vernichtete alle und alles im Umfeld des Ziels, wäre unverantwortlicher Unsinn.

Was, wenn nicht Osama aus seiner Höhle, sondern Teherans Führung Vater des Atomterrors in Deutschland, Frankreich, Westeuropa wäre? Ein deutscher oder französischer Atom-Gegenschlag wäre für Iran sicher vernichtend. Aber weshalb sollte Iran Deutschland, Frankreich, Westeuropa bedrohen? Mit den USA und Israel hat Teheran – selbstverschuldet – genug zu tun. Wozu einen Vielfrontenkrieg, gleich, ob konventionell, terroristisch oder gar nuklear; und ausgerechnet gegen Appeasement-Gesellschaften wie Deutschland und Frankreich?

Dass Chirac und Scholz strategisches Vor- und Nachdenken auslösen wollten, ist löblich. Doch zwischen dem bisherigen Nichts-wissen-Wollen und Nichtstun der Europäer gegenüber Teheran und einem Atomschlag gegen den Iran gibt es Alternativen von gewaltlosen Sanktionen bis zur Gewalt. Auch nichtatomar ist Iran leicht verwundbar und wird fühlen, wenn er nicht hört: Die Mullahs und ihre Helfer haben in Iran intelligente und entschlossene, weil verzweifelte Gegner. Diese sind sicher bereit, mit westlichen Diensten unzählige gezielte Sabotageakte gegen militärische, politische und wirtschaftliche Einrichtungen in Iran durchzuführen. Wenn Iran, Terrorstaaten überhaupt, mit solchen präventiven oder reaktiven, jedenfalls offensiven Defensivmaßnahmen ihrer potenziellen Opfer auf eigenem Territorium rechnen müssen, werden sie vorsichtiger agieren – ohne dass die offensiv-defensiven Opfer, wir, nuklear aufrüsten oder gar zuschlagen müssen.

Über diese Optionen muss nachgedacht werden – und über die wirksamere Bekämpfung nichtstaatlicher Terroristen. Diese können wir mit der französischen oder einer deutschen Atombombe noch weniger besiegen als Iran, gegen den wir „die Bombe“ nicht brauchen.

Der Autor ist Professor an der Bundeswehruniversität München.

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