Berlin : Atonale Beklemmung, leichte Muse

Cordula Däuper

Das Semester ist noch jung, da kommen die Berliner Musikhochschulen schon mit ihren ersten Produktionen heraus. Dabei könnten die Programme nicht unterschiedlicher sein: Die Hochschule der Künste widmet sich mit ihrem "Offenbach Salon" der komödiantisch leichten Muse, die Hanns-Eisler-Hochschule (HfM) nimmt sich dagegen einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte an: den zum Tode verurteilten Geschwistern Scholl. Auch musikalisch ist die von Udo Zimmermann 1985 komponierte Oper "Weisse Rose" - nach dem Namen der antifaschistischen Widerstandsgruppe - schwerer verdaulich als der launige Dreivierteltakt der Operette.

Schauplatz der "Weissen Rose" ist die Zionskirche in Berlin-Mitte. Die hohen, schlichten Gewölbe geben dem beklemmenden Thema ein würdiges Ambiente. Atonal hallt es durch den großen, kahlen Raum. Diese ungemütliche Musik (Leitung: Paulo Buchala) kennt kein Innehalten, keine Entspannung, sie kommt wie eine innere Beklemmung dissonant und aufreibend daher. Ein leiser, nicht bombastischer Vorwurf an die Unmenschlichkeit der Nazis. Eiskalt ist es in der Kirche, Hans und Sophie Scholl verbringen ihre letzten Minuten. Sie sind schon in der Gefängniszelle und warten auf ihre Hinrichtung.

Die Diplominszenierung von Reimar Stolze, Regiestudent der HfM, ist detailliert erarbeitet und auch differenziert ausgeleuchtet: Die Geschwister stehen im kalten Licht der Schutzlosigkeit. Der Kirchenraum wird stimmungsvoll mit einbezogen: Im Gewölbe spielen leuchtend wie Weihnachtskugeln Lichter, als die Erinnerung an schöne Zeiten kurzfristig den bevorstehenden Tod verdrängt. Weitere Gedankenbilder der Scholl-Geschwister werden auf Leinwand projeziert: Saftig grüne Wiesen ziehen vorbei. Sophie würde so gerne noch einmal hinaus in die Natur, aber es wird ihr nicht mehr möglich sein, nie mehr. Die Wiese wird immer brauner, dann ist alles verschwommen. Textlich kann man den Sängern leider nicht folgen, die Überakustik der Kirche frisst das von Wolfgang Willaschek an Originaltexte angelehnte Libretto auf.

Kontrastschauplatz ist der Saalbau Neukölln: Ort der Verwechslungs- und Versteckspiele. Zwei Einakter - "Die Zaubertrompete" und "Salon Pitzelberger" - werden mit unterschiedlichen Besetzungen gegeben, so dass sich möglichst viele Gesangsstudenten szenisch ausprobieren können. Ein großes Übungsfeld, das enorm wichtig ist für die Studenten. Für diejenigen, die zur Bühne wollen sowieso, aber auch für die anderen: Singen bedeutet immer Präsentieren. Und dieser Abend zeigt den momentanen Stand: Einigen fehlt noch vollkommen der "freie Blick" raus in den Zuschauerraum. Die schwere Kunst, noch weit bis über die Rampe hinaus zu wirken. Stimmlich setzen sich an beiden Abenden die Sopranistinnen ins beste Scheinwerferlicht: Johanna Krum als Sophie Scholl erfüllt die heiligen Hallen mit glockenreinem Ton und Yoon Cho Cho und Anne-Katrin Schenck erfreuen mit ihren leichten Höhen und Koloraturen bei Offenbach.

Während das Operettenprojekt in seinem Werkstattcharakter nette Unterhaltung bietet, schöpft die "Weisse Rose" nicht die ganze Tiefe der dargestellten Situation aus. Zu innerlich unbewegt wirken die Protagonisten, nicht wirklich gefangen. Auch wenn die Geschwister Scholl tatsächlich tapfer in den Tod gegangen sein sollen, bleibt die Extremsituation der Todesangst völlig unterbelichtet. Von Panik keine Spur. Trotzdem ist es eine besinnliche Stunde des Nachdenkens über Faschismus, Gerechtigkeit und den Tod."Offenbach Salon" im Saalbau Neukölln wieder vom 11. bis 14.11., jeweils um 20 Uhr. "Weisse Rose" in der Zionskirche wieder am 12. und 13.11. um 20 Uhr und am 14.11. um 17 Uhr.

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