Attacken auf Berliner Busfahrer : "So schlimm wie nirgendwo sonst"

Ein Angriff pro Tag: Berlins Busfahrer leben gefährlich, gefährlicher als ihre Kollegen in anderen deutschen Städten. Eine Patentlösung, wie man die Fahrer besser schützen kann, ist nicht in Sicht.

Leticia Witte[dpa]
Busfahrer
Fahrgast vs. Busfahrer: Das Spektrum reicht von "flotten Sprüchen" bis hin zu körperlichen Attacken. -Foto: Thilo Rückeis

BerlinSie werden angepöbelt, beleidigt oder bei der Fahrscheinkontrolle attackiert - Angriffe auf Busfahrer gehören in Berlin längst zum Arbeitsalltag. "So schlimm wie in Berlin ist es nirgendwo sonst", sagt Hans Schimmelpfennig von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Ein besonders brutaler Fall geriet erst kürzlich in die Schlagzeilen: Weil er sich geweigert hatte, einen Mann ohne Ticket zu befördern, wurde ein 52 Jahre alter Busfahrer im gutbürgerlichen Stadtteil Schöneberg bewusstlos geschlagen. Die Gesamtbilanz der BVG ist düster: Pro Tag werde in der Hauptstadt ein Fahrer in Bussen oder Straßenbahnen angegriffen.

Womit die 4000 Busfahrer tatsächlich konfrontiert werden, teilte die Polizei in den vergangenen Wochen in trauriger Regelmäßigkeit mit. So zwangen Maskierte einen Fahrer zur Herausgabe von Geld. Ein anderer Fahrer wurde von einem Pärchen mit einem Faustschlag und Pfefferspray attackiert. Er hatte es abgelehnt, den Mann und die Frau mitzunehmen, weil sie Döner aßen und keine Fahrscheine kauften. An anderen Tagen randalierten Jugendliche in Bussen, warfen mit Steinen und ließen Glasscheiben zu Bruch gehen. Hin und wieder wurden auch Einschusslöcher in den Scheiben von Bussen entdeckt. Erst vor ein paar Tagen wurde wieder ein Bus beschossen. Verletzte gab es nicht.

Folgen reichen bis zur Arbeitsunfähigkeit

"Die Aggressions- und Gewaltbereitschaft ist größer geworden", berichtet Schimmelpfennig, Leiter der BVG-Verkehrsakademie Omnibus zur Schulung von Betriebsangehörigen. Das Risiko, Opfer eines Konfliktes mit Fahrgästen zu werden, steige. Dabei reiche das Spektrum von "flotten Sprüchen" bis hin zu körperlichen Attacken. Die BVG-Statistik wies im vergangenen Jahr 198 tätliche Angriffe aus, 2005 waren es 185. Bei 300 Millionen Fahrgästen pro Jahr lägen diese Zahlen zwar im "Promillebereich", sagt Schimmelpfennig. Dennoch sei jeder Übergriff einer zu viel.

Manche der Opfer leiden. "Es kann zu traumatischen Erfahrungen kommen", erklärt Werner W. Wilk, psychologischer Psychotherapeut in Bielefeld und Experte für Extremsituationen am Arbeitsplatz. Es gebe unterschiedliche Reaktionen. Während sich einige Busfahrer lediglich über ausfällig gewordene Fahrgäste ärgerten, müssten andere Kollegen arbeitsunfähig geschrieben werden. Sie kämen mit dem Gefühl von Bedrohung nicht mehr zurecht. Manche Täter schlügen einfach zu, ohne jeglichen Anlass. "Dann ist der Nächstbeste dran", sagt Wilk. Manchmal eben auch der Busfahrer. "Die Reizbarkeit in unserer Gesellschaft ist deutlich gestiegen."

Deeskalationstraining ist Pflicht für jeden Berliner Busfahrer

Seit zehn Jahren müssen die Busfahrer bei der BVG-Verkehrsakademie ein Deeskalationstraining durchlaufen - in dieser Art bundesweit einmalig, so Schimmelpfennig . Darin würden Busfahrer lernen, im Umgang mit "schwierigen" Fahrgästen besonnen zu reagieren und Krisensituationen zu entschärfen. "Das Training ist erfolgreich", sagt Schimmelpfennig. Denn zumindest die Zahl der körperlichen Attacken sei nicht gestiegen.

"Wir sehen die Entwicklung mit Sorge", hatte die BVG über ihren Sprecher Klaus Wazlak Anfang August mitteilen lassen. Schon jetzt seien von den knapp 1400 Bussen 500 mit Geräten zur Videoaufzeichnung ausgestattet. Fahrzeuge, die neu angeschafft werden, hätten diese Geräte sowieso. Im Gespräch waren neuerdings auch Fahrerkabinen. Wegen geltenden EU-Rechtes und bestimmter technischer Gegebenheiten in den Berliner Bussen scheidet eine geschlossene Kabine nach Auffassung des Unternehmens aber aus. In mehreren Bussen wurden bereits Glasscheiben hinter dem Fahrersitz eingebaut, um die Fahrer gegen Angriffe von hinten zu schützen. Eine Patentlösung für einen besseren Schutz des Personals ist noch nicht in Sicht.

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