• Auch fünf Wochen Besetzung konnten das Neuköllner Alcatel-Kabelwerk nicht vor der Schließung retten

Berlin : Auch fünf Wochen Besetzung konnten das Neuköllner Alcatel-Kabelwerk nicht vor der Schließung retten

Sigrid Kneist

Einen besseren Sozialplan setzte die kämpferische Belegschaft durchSigrid Kneist

Sie waren die begehrtesten Besetzer der Stadt: Politiker jeder Couleur gaben sich bei ihnen ein Stelldichein, Bundesarbeitsminister Walter Riester lud sogar in seinem Amtssitz zur Gulaschsuppe. Das war Ende September, und es herrschte Wahlkampf in seiner heißesten Phase in Berlin. Da machte sich ein Besuch bei den kämpferischen Männern und Frauen vom Alcatel-Kabelwerk gut, die ihre Arbeitsplätze nicht ohne weiteres aufgeben wollten und deswegen ihren Betrieb besetzt hielten. Sie wollten der französischen Konzernleitung trotzen, die die Schließung zum Jahresende verfügt hatte. In den schönen Herbsttagen herrschte auf dem Werksgelände mitten im Neulköllner Industriegebiet richtige Volksfeststimmung, Kollege Thommy sorgte mit seiner Anlage für Gute-Laune-Musik.

Jetzt herrscht eher Totentanz. Im Eingang liegt ein verdorrter Kranz: Auf den Schleifen liest man in goldenen Lettern: "Wir trauern um das Werk Berlin, die Belegschaft". Politiker lassen sich nicht mehr blicken. Doch Wolfgang Klose, der Betriebsratsvorsitzende, will darüber nicht klagen. "Die haben sich schon alle für das Werk eingesetzt", sagt er. Briefe an die Zentrale haben sie geschrieben. Genutzt hat es nicht viel. Seit viereinhalb Wochen wird bei Alcatel wieder gearbeitet - die Produktion läuft jedoch nur auf halben Touren. Denn auch fünf Wochen der Werksbesetzung konnten das Aus für den Neuköllner Standort nicht verhindern. Am 31. Dezember ist Schluss.

In einer Urabstimmung hatten Mitte Oktober 95 Prozent der Belegschaft einem Ende der Besetzung zugestimmt und das Angebot des Konzerns angenommen. Noch sind Sozialplan und Interessensausgleich nicht endgültig unter Dach und Fach; aber der Umfang der Maßnahmen liegt mit 18 Millionen Mark bedeutend über dem, was ursprünglich den Beschäftigten zugute kommen sollte. Die Mitarbeiter werden zwei Jahre in einer Auffanggesellschaft beschäftigt, wo sie 80 Prozent ihres Netto-Lohnes erhalten.

Freuen kann sich Klose darüber nicht. "Was nützt der beste Sozialplan, wenn die Arbeitsplätze weg sind?", fragt der gelernte Elektriker, der seit 31 Jahren sein Geld bei Alcatel verdient. Vor allem wissen er und seine Kollegen keine Antwort darauf, warum gerade das Berliner Werk, das doch schwarze Zahlen schrieb, keine Zukunft haben darf. 132 Beschäftigte werden jetzt ihren Job verlieren. Nur beim Vertrieb bleiben rund 35 Arbeitsplätze erhalten.

Kabelwerker ohne Chancen

"Kabelwerker haben in Berlin keine Chance auf dem Arbeitsmarkt", sagt Klose. "Wir haben im Internet recherchiert, deutschlandweit werden gerade 15 gesucht." Der durchschnittliche Alcatel-Werker ist 41 Jahre alt und gehört seit elf Jahren zum Betrieb. Nur wenige Stellen bietet das Schwesterwerk in Nürnberg. Aber wer könne schon einfach dorthin gehen, zumal wenn er Familie habe. Vom Firmenstandort Rheydt hat man in diesen Tagen auch keine erfreuliche Nachrichten vernommen. Dort soll es eine Vereinbarung geben, dass für eine 40-Stunden-Woche nur der Lohn einer 35-Stunden-Woche gezahlt wird. In Stadthagen und Hamburg werden die Maschinen ebenfalls zum Jahresende abgestellt.

Glaubten die Alcateller wirklich, mit einer Besetzung die Strategie des Konzerns ändern zu können? "Wir hatten es gehofft", sagt Klose, der während der fünfwöchigen Aktion nicht einmal zu Hause war und voller Elan den Widerstand organisierte. "Man hat uns keine Alternative zur Besetzung geboten." Die IG Metall unterstützte die Beschäftigten mit gewerkschaftlichem Apparat und organisatorischem Know-how. Nun ist der Betriebsrat damit beschäftigt, die letzten Verhandlungen zu führen. Über seine eigene Zukunft hat der 51-Jährige, der seit gut 15 Jahren die Interessen der Arbeitnehmer vertritt, noch nicht nachgedacht: "Das kommt, wenn alles zu Ende ist."

Vielen Mitarbeitern ist das kommende Aus auf die Gesundheit geschlagen. Der Krankenstand ist derzeit exorbitant hoch, gut die Hälfte der Belegschaft hat den Krankenschein eingereicht. "Die Situation macht auch krank", sagt Klose. In der Werkshalle, wo während der Besetzung Hängematten aufgespannt und Matratzen ausgelegt waren, herrscht folglich kaum Betrieb, nur wenige Maschinen arbeiten. Langsam wird das mehrere Zentimeter dicke, orangene Sicherheitskabel auf einer Trommel aufgerollt. Der Mann, der darauf aufpasst, dass dabei alles seine Richtigkeit hat, arbeitet schon 26 Jahre im Betrieb. Was aus ihm wird? Der 59-Jährige zuckt die Schultern: Wer weiß das schon? Ein anderer schimpft, die Stimmung im Betrieb sei schlecht. Diejenigen, die die Besetzung nicht in Gänze mitgemacht hätten, würden nicht gegrüßt, mit denen spreche niemand. Die Besetzer nähmen Privilegien für sich in Anspruch, machten krank, ließen die anderen arbeiten und für ihren Lohn sorgen. Betriebstrat Klose hofft inzwischen auf ein vorzeitiges Ende, sobald die Vereinbarungen unterschrieben sind: "Die Werksleitung wäre schon gut beraten, wenn sie die Produktion dann einstellt."

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