Berlin : Auch in der Botschaft hat das Volk gesiegt

Georgischer Vertreter in Berlin begrüßt den Machtwechsel

Thomas Loy

Keiner hat eine Rose an den Zaun gelegt. Niemand fordert freie Wahlen. Alt-Pankow schläft träge in die Woche hinein. Die georgische Botschaft in der Heinrich-Mann-Straße hat die Jalousien heruntergezogen. Man erwartet keinen unangemeldeten Besuch. Wenn sich doch mal einer hierher verirrt und klingelt, surrt sofort der Türöffner. Kameras und Ausweiskontrollen gibt es nicht. Auf der Internet-Seite der Botschaft steht, dass „jeder Gast von Gott kommt und auch so empfangen wird“. Die georgische Gastfreundschaft sei „Gegenstand des nationalen Stolzes“.

Keine zehn Minuten dauert es, und schon empfängt der georgische Botschafter Konstantin Gabaschwili seinen unangemeldeten Besucher. Gleich laufen die Fernsehnachrichten, da könne man gerne mitgucken. „Dann sind sie gleich auf dem neuesten Stand. Verstehen Sie Russisch?“ Nein. Macht nichts. Dann übersetzt der Botschafter eben.

Konstantin Gabaschwili ist ein Mann von kräftiger Statur. Einer, der dem Volk nahe ist und auch mal auf den Tisch hauen kann, wenn die Dinge falsch laufen. Momentan allerdings laufen die Dinge absolut richtig, und der Botschafter ist froh gestimmt, wenn auch etwas übernächtigt vom Fernsehgucken in den vergangenen Tagen.

Ob er als Botschafter jetzt zurücktreten wird? Nein, im Gegenteil. Sein geplanter Rücktritt sei jetzt hinfällig. Er habe zwar enge Kontakte zum Ex-Präsidenten, aber Wahlfälschung und Korruption lehne er ab. „Ich bin ein pro-westlich orientierter Politiker.“ Gestern Abend habe er mit der Übergangs-Präsidentin Burdschanadse gesprochen. Die Botschaft für Berlin: Weitermachen wie bisher. Im Fernsehen wird Gabaschwilis Londoner Kollege interviewt. Er sagt, Schewardnadse habe unter Realitätsverlust gelitten. Gabaschwili nickt. Das ist die richtige Formulierung. Dennoch müsse man ihm dankbar sein, dass er die Notbremse gezogen hat. Gabaschwili ist stolz auf sein Volk. Viele seien arm, müssten frieren, weil es an Heizmaterial fehlt. Das werde erduldet. Aber wenn es um Demokratie und Gerechtigkeit geht, ließen sich die Georgier nicht vertrösten.

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