Berlin : Auch zur ITB droht Streik

In Schönefeld hatten Passagiere abends Pech, in Tegel ging am Tag lange nichts Das Bodenpersonal war im Ausstand. Verdi prüft weitere Proteste.

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Ausstand. Zweidrittel der Mitarbeiter legten ihre Arbeit nieder. Foto: Reuters
Ausstand. Zweidrittel der Mitarbeiter legten ihre Arbeit nieder. Foto: ReutersFoto: REUTERS

„Wir hatten uns lange auf das Wochenende in London gefreut, denn unsere Freunde feiern in einem Schloss ihre Hochzeit“, sagte Mike Handrick aus Schöneberg ziemlich enttäuscht. „Die Aussicht auf einen Flug am Sonnabend nützt uns wenig, denn dann kommen wir nicht mehr rechtzeitig.“ Seinen Ärger äußerte der 32-jährige Programmierer ziemlich lautstark gegenüber einem Easyjet-Mitarbeiter. „Um 19.40 Uhr habe ich auf der Internetseite erfahren, dass der Flug zwei Stunden später noch stattfinden werde. Im Flughafen stehen wir plötzlich vor dem Chaos. Nichts klappt.“ Und draußen hielt das streikende Bodenpersonal Transparente in die Höhe.

Morgens war Streik in Tegel, Tausende waren betroffen. Und Freitagabend ging von etwa 19 Uhr bis 22 Uhr nichts in Schönefeld. In der Abfertigungshalle gab es Tumulte. Als protestierende Verdi-Mitglieder mit Trillerpfeifen und Plakaten erschienen, reagierten die wartenden Fluggäste mit Beschimpfungen und einem nach unten gestreckten Daumen. Am Informationsschalter der Berliner Flughäfen in Terminal A kam es zum Teil zu gereizten verbalen Auseinandersetzungen zwischen Service-Mitarbeitern und ratlosen Fluggästen. Passagiere, die die versammelten Streikenden kritisierten, wurden verhöhnt und mit Gesängen sowie Trillerpfeifen ausgebuht.

Betroffen waren vor allem Easyjet-Passagiere, viele nahmen das Angebot an, eine Nacht in einem Berliner Hotel zu verbringen. Von dort wollten sie versuchen, im Internet einen neuen Flug zu buchen. Im Terminal selbst war keine Umbuchung möglich. Das Personal verteilte Flugblätter mit Informationen. Easyjet strich Flüge nach Basel, Liverpool und Mailand sowie die Dienste aus Brüssel und Manchester. Insgesamt sieben Starts und sieben Landungen fielen aus.

Den Streik des Bodenpersonals hatte die Gewerkschaft Verdi am Freitagabend kurzfristig angekündigt. GlobeGround-Geschäftsführer Alvensleben gab an, man sei nicht mehr im Stande, Easyjet-Passagiere einzuchecken, weil sich alle auf das Computersystem der Fluggesellschaft Easyjet geschulten Mitarbeiter im Ausstand befinden. Die anderen Billigflieger wie Germanwings und Norwegian arbeiten mit anderen Dienstleistern.

Flughafen-Sprecher Leif Erichsen bezeichnete den zweiten Streik am zweiten Flughafen innerhalb eines Tages als „völlig unverständlich“. Er treffe vor allem die Passagiere, die Tarifpartner seien gefordert, umgehend an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Laut Verdi-Streikleiter Jens Gröger beteiligte sich nahezu die gesamte 70köpfige Spätschicht am Ausstand. GlobeGround hätte den ganzen Tag über Zeit gehabt, ein neues Angebot vorzulegen und den erneuten Streik zu verhindern. Auf das bisherige Angebot könne man sich nicht einlassen, da es für die Mitarbeiter ein Minus im zweistelligen Bereich bedeuten würde. Für das Wochenende seien keine weiteren Maßnahmen geplant. Anfang der Woche werde die Tarifkommission das weitere Vorgehen beraten – dann aber könne erneut zum Streik aufgerufen werden, womöglich noch am gleichen Tag. Da sich bisher keine Einigung abzeichnet, drohen in den kommenden Tagen, ausgerechnet wenn zur Reisemesse ITB 100 000 Fachbesucher aus aller Welt anreisen nach Berlin, weitere Streiks.

Schon am frühen Freitag waren Passagiere vom Warnstreik des Bodenpersonals am Flughafen Tegel betroffen. 26 Flüge mussten gestrichen werden, andere waren bis zu 90 Minuten verspätet. Tausende kamen nicht zum Ziel. Mit nur halbstündiger Vorwarnung hatten von sechs bis 9.30 Uhr laut Streikleiter Jens Gröger etwa 200 der 300 Mitarbeiter der Frühschicht von GlobeGround Berlin die Arbeit niedergelegt. Das Unternehmen mit 1800 Beschäftigten ist der größte Dienstleister für die Flugzeug- und Passagierabfertigung in Berlin.Rainer During, Claus-Dieter Steyer

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