Audiotour Nummer 3 : Millionenbauern und Seiler: Die Dynastie Lusche

Nicolas Lusche ist 48 Jahre alt, agil und überaus freundlich. Ein Geschäftsmann, der die Schöneberger Hanf- und Drahtseilfirma an der Hauptstraße in dritter Generation leitet.

Christian van Lessen
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Nicolas Lusche -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nicolas Lusche ist 48 Jahre alt, agil und überaus freundlich. Ein Geschäftsmann, der die Schöneberger Hanf- und Drahtseilfirma an der Hauptstraße in dritter Generation leitet. Ein moderner Manager, der stets viel Historie vor Augen hat, wenn er vom Bürofenster auf die alte Schöneberger Dorfkirche und einstige Prachtvillen der „Millionenbauern“ gegenüber blickt. „Goldbauern könnte man auch sagen“, meint er .

Lusche hat Gold im Blut. Zöge er die Geschichte seiner Familie an einem seiner dicken Seile heran, käme am anderen Ende ein Millionenbauer zum Vorschein. Seit 1723 sitzt die Dynastie an der Hauptstraße. Als das Dorf Schöneberg zur Stadt wird, verkaufen die alten Lusches wie andere Bauern Haus und Hof. Ihnen gehörte viel Land, „fast das ganze Viertel“. Andere Bauern, die ihr Land verkaufen, spendieren sich schmucke Villen am alten Dorfanger. Lusches bauen sich 1890 ein vierstöckiges Miethaus, mit Türmchen, Stuck und Klinker. Später entstehen Werkstätten im Hof. Großvater Günther gründet 1923 die Firma.

Vom selben Ort aus führt Nicolas Lusche noch heute die Geschäfte. „Die Abstammung von den Millionenbauern ist ja ganz nett“, sagt er bescheiden und lächelt. Kokettieren will er mit dem Stammbaum nicht. Aber er ist froh, dass er letztlich das Haus vom Millionenerbe abbekommen hat. Ein „Traditionalist“ sei er nicht, die Familie wohnt jetzt in Teltow. Vater Peter ist noch in Schöneberg aufgewachsen, zieht später mit der Familie nach Wannsee. Der Enkel fühlt sich mit Schöneberg verbunden. Nach dem Wirtschaftsstudium in Süddeutschland kehrt er zurück. Er kennt hier jede Ecke, jedes Geschäft.

Noch heute erinnert viel an den Großvater. Hinter dem Büro führt die Tür ins Wohnzimmer mit der holzgetäfelten Decke, den Stilmöbeln, der Standuhr, dem Schreibtisch, an dem noch der alte Günther Lusche gesessen hat. Der blätterte einst wie ein Patriarch in Kontoauszügen, empfing die Kundschaft und fand Zeit, mit der Sekretärin zu schwatzen. Der Enkel erzählt es mit Spaß und voller Achtung. Das Haus ist vom Krieg fast verschont geblieben, ins obere Stockwerk fiel aber eine Bombe. Längst ist dort ein modernes Dachgeschoss für Mieter entstanden, die Fassade hat neuen Putz, ohne Stuck sieht sie recht nüchtern aus.

Vorn wird verkauft, hinten im Hof produziert, 14 Leute sind am Werk, arbeiten auf der „Reeperbahn“, wie das Handwerk die lange Seilfertigungsbahn nennt. Es riecht nach Hanf. Ob Bauindustrie, Schifffahrt, Kabelbau, Theater, Opernhäuser oder Betreiber von Windkraftanlagen: Sie decken sich in dem Traditionsbetrieb gern ein. Lusche freut sich, ein „solides Fundament an Kunden“ zu haben. Die können außer Schäkeln, Kauschen, Karabinerhaken auch Hundehalsbänder und Leinen kaufen. Sogar Monteure der Reichstagsverhüllung von Christo schauten 1995 vorbei, um sich mit Seilen einzudecken. Das Geschäft ist nicht nur stadtbekannt, es ging auch in den Sprachschatz ein: Das Einpressen von Kauschen, Ösen, wird in der Branche zuweilen auch „anluschen“ genannt.

Nicolas Lusche hat vier Kinder. Ob die einmal das Seil ergreifen und das Geschäft übernehmen, lässt sich nicht absehen. Der Prokurist der Firma, Sven Pfitzner, gehört fast zur Familie. Schon sein Vater arbeitete bei Lusches als Prokurist. Als hinge hier alles an einem Bande: Auch seine Vorfahren sind seit Urzeiten Schöneberger. Christian van Lessen

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