Auerbachsches Waisenhaus in der Schönhauser Allee : Eine Wand mit 140 Namen erinnert an ermordete Juden in Berlin

Nur eine Ziegelmauer ist vom jüdischen Waisenhaus in der Schönhauser Allee übriggeblieben. Die Künstlerin Susanne Ahner hat dort den in Riga und Auschwitz ermordeten Bewohnern ein Denkmal gesetzt.

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Gedenken in Stein: Die Künstlerin Susanne Ahner hatte den Wettbewerb für die Gedenkstätte gewonnen. Mit Schablonen und einer Sandstrahlpistole wurden die Namen der Ermordeten ins Ziegelwerk graviert.
Gedenken in Stein: Die Künstlerin Susanne Ahner hatte den Wettbewerb für die Gedenkstätte gewonnen. Mit Schablonen und einer...Foto: Doris S.-Klaas

Kleine weiße Rosen liegen an der roten Backsteinmauer. Wind pfeift durch den Hinterhof. Auf dem Bürgersteig vor dem Haus mit der Nummer 162 ist ein großer Fußball aus Stein unübersehbar. Er soll an die Geschichte eines Gebäudes in der Schönhauser Allee erinnern. Hier gibt es Berlins jüngsten Erinnerungsort – für die von den Nazis deportierten und ermordeten Zöglinge und Erzieher des einstigen Baruch-Auerbach’schen Waisenhauses.

Die Waisenhaus-Bewohner wurden erschossen oder nach Auschwitz abtransportiert

Die rote, 13 Meter lange Mauer hinter einer einsamen Balsampappel ist der Rest eines imposanten Gebäudes, das im Jahre 1897 von den ersten 80 Zöglingen eines jüdischen Waisenhauses bezogen wurde. 1937 lebten hier, auf dieser „Insel im braunen Meer“, wie ein Überlebender sagt, mehrere 100 Mädchen und Jungen. Doch am 19. Oktober 1942 verließ der 21. „Osttransport“ mit 959 Menschen Berlin, darunter waren 60 Waisenhaus-Kinder zwischen neun und 16 Jahren. In den Wäldern von Riga wurden die Berliner Juden erschossen. Und zehn Tage später gehörten Auerbacher Kinder im Alter zwischen zehn Monaten und 16 Jahren mit etlichen Betreuern zum 23. Transport nach Auschwitz.

Das Haus wurde 1943 durch Bomben stark beschädigt, die Reste hatte man in den fünfziger Jahren abgerissen, das Gelände wurde neu bebaut. Nur ein Teil der Mauer, die das Grundstück vom Nachbarhaus trennt, blieb erhalten – schräg gegenüber dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee und neben dem schlanken Turm der Stadtkloster-Segenskirche.

Die Künstlerin Susanne Ahner gewann einen vom Land Berlin ausgelobten Wettbewerb zur Erinnerung an das Haus und seine Zöglinge: „Hier habe ich gelebt“ nennt die Bildhauerin, die seit 1979 in Berlin lebt und arbeitet, ihr Werk. 140 Namen und das jeweilige Alter der Kinder, Jugendlichen und deportierten Betreuer wurden mit einer Sandstrahlpistole in die Ziegel graviert. „Ich habe mir vorgestellt, dass sich die jungen Menschen dort noch einmal verewigt haben, um zu sagen: „Ich war hier!“ Die 54-jährige Künstlerin erhofft sich, dass auch durch diese Gedenkmauer die Erinnerung an eine menschenverachtende Zeit in Deutschland wachgehalten wird.

Auch der jüngere Bruder von Hans Rosenthal wurde von den Nazis ermordet

Ein älterer Herr hatte bei der Übergabezeremonie ein zu Herzen gehendes Grußwort gesprochen: Der 90-jährige Walter Frankenstein ist einer der letzten noch lebenden Auerbacher, die damalige Zeit hat er in seinem bewegten Leben nicht vergessen: Wie er 1936 als Jugendlicher ins Berliner Waisenhaus kam, da die Nazis jungen Juden verboten, nichtjüdische Schulen zu besuchen. Im Auerbach verliebt er sich 1942 in die Erzieherin Leonie Rosner und heiratet sie. Muss Zwangsarbeit leisten, Luftschutzkeller ausbauen, auch Bauarbeiten im Büro von Adolf Eichmann in der Kurfürstenstraße ausführen. Eichmann, der technokratische „Endlöser“ der „Judenfrage“, sagt zum 19-Jährigen: „Du Jude, auf dem Teppich nur ein kleiner Fleck – und morgen bist du in Auschwitz.“ Walter Frankenstein lebt ab 1943 in der Illegalität im Berliner Untergrund, wandert 1945 nach Palästina aus, geht 1956 nach Stockholm und kommt in den Achtzigern wieder nach Berlin, wo ihm jetzt zu seinem 90. Geburtstag das Bundesverdienstkreuz überreicht wurde.

Zu den Erinnerungen, die er hat, wenn er in die Schönhauser Allee kommt, gehört auch die Episode um Gert, den jüngeren Bruder des späteren TV-Unterhalters Hans Rosenthal, der in der Illegalität einer Laubenkolonie der Deportation entging. Auch Hans Rosenthal schreibt in seinen Memoiren: „Als ich ein letztes Mal ins Waisenhaus ging, um Abschied zu nehmen, hatte Gert von seinen Ersparnissen fünfzig Postkarten gekauft. Er hielt sie stolz in der Hand und zeigte sie mir. ,Hansi’, sagte er, ,auf diesen Postkarten steht schon deine Adresse. Alle zwei Tage werde ich dir schreiben, wo ich bin und wie es mir geht.’“

Hans Rosenthal hat keine Karte bekommen. Und seinen Bruder nie wiedergesehen.

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