Berlin : Auf alle Fälle

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Die Grammatik ist voller Fallstricke, gewiss. Doch was soll man davon halten, dass für viele schon die einfachste Deklination ein schwieriger Fall ist?

In einer Debatte des Abgeordnetenhauses meinte der FDP-Abgeordnete Klaus-Peter von Lüdeke, man müsse „der Haushaltslage und der sozialen Probleme gerecht werden“. Da hat er sich verhaspelt, nicht wahr. Gerecht werden kann man einem Problem oder einer Person natürlich nur mit dem Dativ, hier der Haushaltslage und den sozialen Problemen. Nur fällt der Fehler bei weiblichen Substantiven nicht auf, weil sie im Genitiv und Dativ gleich lautend sind. Aber es wimmelt von falschen Fällen. So fragte Lüdekes Fraktionskollege Rainer-Michael Lehmann vor dem Parlament, ob dem Senat „verlässliche Zahlen durch die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg oder den Job-Centern übermittelt worden“ seien. Also wenn der Senat Zahlen erhalten hat, dann durch die Regionaldirektion oder die Job-Center, denn die Präposition durch steht ja ausnahmslos mit dem Akkusativ. Mit dem Dativ hätte Lehmann fragen können, ob der Senat Zahlen von den genannten Institutionen erhalten hat. Auf die Präposition kommt es an. Folglich kann man die Fälle nicht durcheinander werfen.

Manche tappen auch in eine Falle, indem sie eine Präposition weglassen, die zur Vermeidung von Irritationen wiederholt werden müsste. „Bei der Vorbereitung auf ihre Tätigkeit und der praktischen Projektarbeit erfahren sie viel über die sozialen Verhältnisse ...“, las ich in einem FDP-Antrag. Gemeint ist sicher die Erfahrung bei der Vorbereitung auf die Tätigkeit und dann bei der praktischen Arbeit. In der schriftlichen Begründung einer Großen Anfrage der Grünen hieß es: „Bevor das Parlament Mittel für einen Neubau bereitstellt, muss sicher sein, dass mit dem Geld für den Neubau und den zusätzlich anfallenden laufenden Kosten ... nicht Sinnvolleres ... erreicht werden könnte.“ Hier geht es um das Geld für den Neubau und für die Kosten, die verursacht werden, wenn er fertig ist. Daher ist nur der Akkusativ gefragt.

„Es freut mich, dass Sie in zukunftsfähigen Energien investieren wollen“, rief Holger Rogall (SPD) in einer Plenardebatte aus. Doch auch investiert wird mit dem Akkusativ, indem man nämlich Geld in eine Entwicklung hineinsteckt. Mitunter ist allerdings der Dativ möglich, wenn etwa in einem Betrieb investiert wird. Ach, manchmal ist so ein falscher Fall direkt komisch. „Ich bitte Sie daher um Zustimmung dieses Einzelplans“, sprach Stefanie Schulze (Linkspartei) in der Haushaltsdebatte. Sie konnte unmöglich den Einzelplan um Zustimmung bitten, sondern nur das Abgeordnetenhaus um Zustimmung zu diesem Einzelplan.

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