Berlin : Auf Augenhöhe mit Willy und Gorbi

Die WM hat uns begeistert, und Berlin hat davon profitiert. Soll Jürgen Klinsmann dafür Ehrenbürger werden? Ein Pro & Contra

Lars von Törne

Willy Brandt und Johannes Rau sind es, Heinz Berggruen und Marlene Dietrich seit kurzem ebenso, und Ronald Reagan sowie Michail Gorbatschow sind schon seit Anfang der 90er dabei. 114 Namen umfasst die Liste der Berliner Ehrenbürger. Geht es nach fußballbegeisterten Stadtbewohnern, könnte bald ein 115. Name dazukommen: Jürgen Klinsmann.

Prominenteste Befürworterin der Idee ist Renate Künast (Grüne), langjährige Berliner Landespolitikerin, dann Verbraucherschutzministerin und jetzt Fraktionschefin der Grünen im Bundestag. „Ich würde eine Ehrenbürgerwürde für Klinsmann unterstützen“, sagt sie dem Tagesspiegel. „Hier in Berlin war das WM–Quartier der deutschen Mannschaft, von hier aus hat sich der Teamgeist übers Land verbreitet und hier in Berlin ist die zentrale Fanmeile“, begründet Künast. Außerdem habe die deutsche Nationalmannschaft gezeigt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Klinsmann habe sich auch gegen alle alten Funktionäre durchgesetzt und konsequent seinen Weg beschritten. „Klinsmanns zentrale Botschaft war: Alle sind wichtig – vom Spielmacher bis zum Busfahrer.“ Diese Einstellung wünscht sich Künast auch für Berlin: „In Neukölln, Marzahn oder Zehlendorf muss jeder das Gefühl haben, hier ernst genommen und gebraucht zu werden. Klinsmann könnte als Ehrenbürger genau dieses anstoßen.“

„Das hätte Charme“, findet auch die sportbegeisterte grüne Kulturpolitikerin Alice Ströver. Mit der Ehrung könnte die Stadt, die von der WM sehr profitierte, dem Trainer der Nationalmannschaft für seinen Einsatz angemessen danken, findet sie. Vor allem dafür, dass er mit seiner Elf nicht in Leverkusen Quartier bezog, sondern eben in Berlin, wo die Fans das Team hautnah erleben konnten. Noch wichtiger wäre für Ströver aber das Signal für die Zukunft: „Ehrenbürger müssen sich weiterhin für die Stadt einsetzen“ – und so einen wie Klinsmann habe man doch gerne auf seiner Seite.

Unter anderen Sportfans der Stadt stößt die Idee auf geteilte Reaktionen. „Klinsmann hat wunderbare Arbeit geleistet, man muss ihn ehren und würdigen“, sagt Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußballverbandes. Die Ehrenbürgerschaft, da bedeutendste Auszeichnung der Stadt, fände er allerdings doch „ein bisschen hochgegriffen“. Stattdessen könnte er sich den Verdienstorden an Klinsmanns Brust vorstellen, eine Auszeichnung, die doppelt so häufig wie die Ehrenbürgerwürde vergeben wird und deswegen nicht ganz so hochrangig ist.

Berlins CDU macht sich statt einer Berliner Ehrung lieber stark dafür, dass Klinsmann das Bundesverdienstkreuz bekommt, sagt Generalsekretär Frank Henkel. Denn in erster Linie sei die WM ein nationales Ereignis. Die Berliner Ehrenbürgerschaft hält er für die falsche Form der Würdigung. Wenn schon jemand wegen der WM von Berlin als Ehrenbürger geehrt werden sollte, „dann Beckenbauer“, findet Henkel. „Der hat als Organisator am meisten für die Stadt getan.“

Der Vorschlag für die Ehrenbürgerschaft könnte von Abgeordneten, Senatsmitgliedern oder aus den Bezirksverwaltungen kommen. Entscheiden müssen Senat und Abgeordnetenhaus gemeinsam. Klaus Wowereit hat allerdings bereits deutlich gemacht, dass er nichts davon hält, den deutschen Coach auf diese Weise zu ehren. „Jürgen Klinsmann hat Großes geleistet“, sagte der Regierende Bürgermeister dem Tagesspiegel kürzlich. „Mit der Ehrenbürgerschaft allerdings werden andere Verdienste geehrt als jene, die Jürgen Klinsmann erbracht hat“, stellte er klar – und ergänzte versöhnlich: „ Aber vielleicht bekommt er ja einen Orden von der Bundesregierung.“

Ehrenbürger erhalten vom Regierenden Bürgermeister eine Urkunde, auf der ihre Verdienste stehen. Sie dürfen sich von einem Künstler ihrer Wahl für die Galerie im Abgeordnetenhaus porträtieren lassen. Sie bekommen unter anderem eine kostenlose Jahreskarte der BVG. Und nach ihrem Tod werden sie auf Landeskosten in einem Ehrengrab beigesetzt.

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