Berlin : Auf Bahnhofsmission

1975 hat Helga Frisch der Post den Vier-Minuten-Takt ausgeredet. Jetzt macht sie mobil, weil am Zoo keine Fernzüge mehr halten sollen

Ariane Bemmer

Sie sagt, jetzt, wo sie damit angefangen hat, sei sie froh darüber. Weil sie Menschen, die etwas ausdrücken wollen, die Möglichkeit dazu gibt. „Das ist doch auch ein Akt der Menschlichkeit.“

Am Morgen war Helga Frisch schwimmen wie jeden Tag. Jetzt sitzt sie wegen des Besuchs auf der Terrasse ihres schmalen Hauses, über den dichten Rasen – „den habe ich fünfmal nachgesät“ – hüpft eine Amsel, oben klingelt immerzu das Telefon. Würde sie rangehen, könnte sie auf ihren Listen noch einen Namen notieren von jemandem, der den Bahnhof Zoo für den Fernverkehr retten will.

Sie ist wieder da. Helga Frisch, 71 Jahre alt, Ex-Pastorin der Grunewald-Gemeinde, Psychotherapeutin, Eheberaterin, Buchautorin und durch Genuss von viel Obst und Gemüse sehr jung geblieben, steht erneut an der Spitze einer Initiative, die sich mit den Mächtigen anlegt. Diesmal ist es ist die Bahn, deren Chef Hartmut Mehdorn ab 2006 die Fernzüge direkt zum Lehrter Bahnhof fahren lassen will, ohne Halt am Bahnhof Zoo, das spare vier Minuten Reisezeit. Helga Frisch lispelt ein bisschen, wenn sie das Argument „absolut albern“ nennt. Ganz im Gegenteil seien die Bahnpläne ein Unding, bürgerfeindlich und eine Bedrohung für den Westen der Stadt, der zur Provinz verkomme. Mit der Ansicht ist sie nicht allein. 100000 Unterschriften will ihre Initiative bis September sammeln, dann werde man ja sehen. Es läuft gut bisher, an 18 Ständen wird gesammelt, das Bezirksrathaus und die Grünen unterstützen die Aktion, und dann ist ja auch Wahlkampf.

Es ist der zweite große Kampf von Helga Frisch. Der erste liegt 30 Jahre zurück, auch damals ging es um vier Minuten. Die Post wollte für Telefonate den Vier-Minuten-Takt einführen, alle vier Minuten sollte das Gespräch 23 Pfennig teurer werden. 1975 hatten Telefone noch Drehscheiben und die Bundesdeutschen einen Postminister. Besonders für Menschen, deren einzige Verbindung zur Außenwelt das Telefon war, wäre das teuer geworden. Helga Frisch hat das 1975 in ihrer Predigt zum Volkstrauertag erwähnt. So wurde sie zur Anführerin. Frau, Talar und Protest – Fernsehen, Radio und Zeitungen berichteten, es lief perfekt. 600000 Unterschriften sammelte ihre „Aktion billiges Telefon“ in kurzer Zeit – und in Berlin blieb es bis 1992 beim Einheitstarif. Im Rest der Republik wurde der Acht-Minuten-Takt eingeführt. Die Unterschriftenlisten hat irgendwann das Museum für Kommunikation bekommen.

Erst die Post, dann die Bahn. Zwei Namen, die einst Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit garantierten, und die heute für arrogantes, kundenfeindliches Management stehen. Briefkästen werden abgebaut, Pakete in Abholautomaten versteckt, Fahrkartenschalter geschlossen, die Bahnfahrer aufs Internet verwiesen. Entscheidungen, die ignorieren, dass nicht alle Kunden mobil und online sind.

Helga Frisch ist das Kontrastprogramm. Sie will „an die Menschen ran“, da ist das Leben, da muss man sein. Sie, die nie verheiratet war – es war ihr als Pastorin lange verboten –, hat drei Bücher über die Ehe geschrieben. Aus der Distanz hat sie die Nähe zum Problem gesucht. Bei Post und Bahn werden Probleme aus der Distanz schon mal ganz übersehen. Wen man aber sieht, ist Helga Frisch.

Mehdorn habe Angst, sagt Helga Frisch. Sie hat die Lippen blassrosa angemalt, die Haare sind getönt, sie trägt einen kurzen Pagenkopf. Ihr Haus sieht aus, als lebten zwei Menschen darin. Unten eine Alte mit Schrankwand, Sofas, Keksschalen auf Tischchen, oben eine Junge mit Telefon mit Anrufbeantworter, Faxgerät, Kopierer, drei Schreibmaschinen. „Ich brauche mal einen Laptop“, sagt Helga Frisch. Oben ist das Büro. Sie liegt meist auf einem ausgeklappten Sofa mit hochgestellter Rückenlehne. Wenn, und das kommt vor, die Müdigkeit sie plötzlich anfällt, drückt sie die Lehne per Knopfdruck runter und schläft. Aber jetzt ist sie wach. Mehdorn habe Angst, er lasse sie im Bahnhof Zoo keine Unterschriften für die Protestaktion sammeln, sagt Helga Frisch. Sie selbst hat ja gar nichts gegen den Lehrter Bahnhof. Aber der soll sich dem Wettbewerb stellen. „Wenn er so toll ist, wie Mehdorn behauptet, werden die Leute da schon aussteigen“, sagt Helga Frisch. Doch das möchten die Leute bitte selbst entscheiden dürfen.

Helga Frisch hat zweieinhalb Stunden lang geredet, sie wird müde jetzt, man erinnert sich: Die Frau ist 71. Es sei schon ein Riesenstress, sagt sie. Helga Frisch hätte sich gerne der Protestaktion von anderen angeschlossen. Aber es war wieder niemand da.

Wer sich am Protest beteiligten will oder Unterschriftenlisten haben möchte: Helga Frisch hat die Tel. 892 10 07

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