Berlin : Auf beiden Seiten der Barrikade

Zwei Zeitzeugen des 17. Juni: Einer probte den Aufstand, der andere arbeitete für die Regierung

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„Es ist nicht normal“, sagt Werner Klaer etwas zögernd, „aber ich bin kein Mensch, der auf Dauer hassen kann.“ Und deswegen sitzt der 74Jährige an diesem Dienstagnachmittag an einem Tisch mit Fritz Schenk – einem Mann, der am 17. Juni 1953, dem Tag des blutig niedergeschlagenen Volksaufstandes in der DDR, auf der Gegenseite stand. Werner Klaer kletterte seinerzeit todesmutig aufs Brandenburger Tor und riss die verhasste rote Fahne herunter, Fritz Schenk arbeitete als Sekretär in der Staatlichen Plankommission des SED-Staates. Gestern trafen sich beide Zeitzeugen des 17. Juni in der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung zum ersten Mal zu einem Gespräch, um 50 Jahre nach dem Aufstand gemeinsam einen Appell an das Geschichtsbewusstsein der Deutschen zu richten: „Erinnert Euch!“ Und, könnte man hinzufügen: Hört zu – solange es noch Zeitzeugen gibt, die Geschichte hautnah erlebt haben.

Zwar sagt Klaer, dass seine Erinnerung nach 50 Jahren „lückenhaft“ ist. Doch er weiß noch einiges zu berichten von jenem 17. Juni. Er habe als frischer Absolvent der Humboldt-Uni in Volkswirtschaft („Ich habe Murx und Marx studiert“) im West-Berliner Sender RIAS vom Aufruf der Ost-Berliner Arbeiter gehört, sich am Generalstreik zu beteiligen. Da ist er mit. „Wir wollten zunächst nur gegen die Ungerechtigkeiten demonstrieren“, sagt er. Beim Marsch zum Brandenburger Tor seien aber im Demonstrationszug plötzlich politische Losungen laut geworden – gegen die DDR-Regierung, für die Einheit Deutschlands.

„Ja, jetzt geht es in die Freiheit“, hat sich Klaer damals gedacht. Emotionen, Euphorie. „Jetzt muss ich“ – Klaer klettert gemeinsam mit zwei weiteren Demonstranten aufs Brandenburger Tor. 50 Meter entfernt stehen die russischen Panzer. Angst – und weiterhin Euphorie. Die rote Fahne verschwindet unter dem Jubel der Demonstranten. Die Freiheit naht, denkt Klaer. Weit gefehlt. Westdeutschland hat keine Vorbereitungen für den „Tag X“ getroffen. Und Klaer flüchtet vor den befürchteten Sanktionen des SED-Staates in den Westen.

Eine andere Sichtweise der Geschehnisse hat Fritz Schenk. Am 17. Juni kommt er „mit Mühe und Not“ durch die demonstrierenden Menschenmassen an seinen Arbeitsplatz im Haus der Ministerien (HDM) in der Leipziger Straße. Der Vorplatz ist abgesperrt, die Eingänge zum Regierungsgebäude verbarrikadiert, aus dem Keller sind Schreie von festgesetzten Demonstranten zu hören. „Da konnten wir nur hoffen“, erinnert sich Schenk, „dass nicht das Äußerste passiert.“ Wenn die Protestierenden das Gebäude stürmten – wie sollten sie ihn, der doch als Alt-SPDler die harte Linie der Partei gar nicht befürwortete, von den 150-Prozent-Genossen unterscheiden? Sie würden bestimmt gar nicht erst fragen. Auch Schenk hat an diesem Tag Angst. Als dann Steine fliegen und die Demonstranten das Deutschland-Lied anstimmen, sei in die Runde gemurmelt worden: „Na, nu is’ doch wohl klar, dass es ein faschistischer Aufstand ist.“ Ansonsten ist von den Obergenossen im HDM nichts zu hören. Schließlich retten die russischen Panzer Walter Ulbricht und die DDR.

1957 wird Schenk von der SED aus „politischen Gründen“ in U-Haft gesteckt. Wieder frei, flieht auch er in den Westen.sto

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