Berlin : Auf Berlins Baustellen stehen alle Zeichen auf Streik

K.WIEKING[K.KURPJUWEIT]

Gewerkschaft und Arbeitgeber sprechen von einer Strategie der "Nadelstiche"VON K.WIEKING, K.KURPJUWEIT BERLIN.Auf den Baustellen der Stadt wird es von Montag an wahrscheinlich zu Streiks kommen.Die Urabstimmung ging gestern abend zu Ende.Die Gewerkschaft erwartete, daß sich die Mehrheit für einen Streik aussprechen wird.Spüren sollen dies nach dem Willen der Gewerkschaft dann auch Autofahrer, wenn an Straßenbaustellen die Arbeit ruht.Mit einer stadtweiten Arbeitsniederlegung rechnen aber weder die Arbeitgeber noch die Gewerkschaften.Beide erwarten eine Strategie der "Nadelstiche". Damit kann, wie Norbert Nickel von der Fachgemeinschaft Bau einräumt, durchaus eine Großbaustelle zum Teil lahmgelegt werden."Wenn in einem Spezialbereich, auf dessen Arbeit andere Bereiche direkt angewiesen sind, gestreikt wird, ist nicht mehr viel zu machen", sagte Nickel gestern. Bei Großaufträgen teilten sich in der Regel mehrere Firmen in einer Arbeitsgemeinschaft den Auftrag.Häufig werden dabei ausländische Bauarbeiter eingesetzt, die sich an einem Streik nicht beteiligen würden.Hat aber ein Unternehmen aus Berlin oder Brandenburg eine Schlüsselstellung im Bauablauf, könnten diese Mitarbeiter die Arbeit unterbrechen.Nickel vermutet, daß sich die Gewerkschaft längst solche Betriebe ausgeguckt hat.Er ist hier Realist: "Ein Streik muß schließlich auch öffentlichkeitswirksam sein." Der Streikführer der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (BAU), Rainer Knerler, kündigte tatsächlich beim Arbeitskampf "einige Überraschungen" an.Sowohl die Öffentlichkeit als auch jede Baufirma müsse damit rechnen, von dem Streik betroffen zu werden.Die Gewerkschaft wolle dort streiken "wo es wehtut", etwa auf Baustellen, wo hoher Termindruck herrsche.Gleichzeitig warnte Knerler die Arbeitgeber davor, Illegale und ausländische Billiglohnarbeiter als Streikbrecher einzusetzen."Das wäre eine ungeheure Provokation.Dadurch würde Ausländerfeindlichkeit geschürt", sagte der Gewerkschaftsführer.Knerler rechnet insgesamt nur mit einer kurzen Streikdauer.Sollten die Arbeitgeber nicht einlenken, so Reiner Knerler, werde der Arbeitskampf auf das Berliner Umland ausgedehnt."Der Streik ist in jeder Phase ausweitbar." Bei der Bahn macht man sich noch keine Streikgedanken."Dies ist Sache der Firmen", sagte Claudia Ruttmann, die Sprecherin der Bahn Knoten Berlin GmbH, die alle Bahnarbeiten in der Stadt koordiniert."Wir haben eine bestimmte Leistung zu einem festen Preis und einem vereinbarten Termin eingekauft.Wie ein möglicher Verzug aufgeholt werden würde, müßten die Unternehmen entscheiden.Die Bahn als Auftraggeber halte jedenfalls an ihren Terminvorgaben fest. Der angekündigte Arbeitskampf betrifft nur die etwa 1 000 Berliner Baubetriebe, die dem Fachverband Bau angehören.Der Fachverband ist aus dem Bundesverband der deutschen Bauinsdustrie ausgetreten und lehnt den im Mai vereinbarten Flächentarifvertrag, der ansonsten in ganz Deutschland gilt, ab.Die Bedingungen dieses Tarifvertrages will die Gewerkschaft auch für die Angestellten der Fachverbands-Unternehmen durchsetzen.Entsprechende Verhandlungen mit dem Fachverband sind am 17.Juni gescheitert.Wieviele der rund 100 000 Berliner Bauarbeiter, für die zumeist der Tarifvertrag gilt und die damit an die Friedenspflicht gebunden sind, sich an dem Streik beteiligen, ist ungewiß.Die Gewerkschaft spricht davon, daß die Betriebe des Fachverbandes nur rund 13 000 Arbeiter beschäftigen, die Arbeitgeber sprechen von 30 000.Ein Termin für neue Tarifgespräche ist noch nicht vereinbart.

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