Berlin : Auf Betteltour für den Schuldenberg

Das arme Land Berlin braucht viel, viel Geld. Susanne Reichenbach beschafft es in aller Welt

Ulrich Zawatka-Gerlach

Sie braucht Geld. Viel Geld. Jeden Monat muss Susanne Reichenbach eine Milliarde Euro besorgen, damit Berlin seine Rechnungen bezahlen kann. „Das macht Spaß“, sagt die Kreditreferentin der Finanzverwaltung, „und spannend ist das immer.“ Vor ein paar Jahren hatte sie manchmal noch Angst, nicht genug Geld heranschaffen zu können. Aber Berlin hat Kredit – so arm es auch ist. Sogar Kuwait hat kürzlich ein paar Millionen Euro auf den Schuldenberg gehäufelt. Die Wertpapiere der Hauptstadt sind begehrt.

Seit elf Jahren macht Susanne Reichenbach den Job, die Angst ist längst weg, und inzwischen kennt sie die meisten Banker in Deutschland. Da steht Vertrauen gegen Vertrauen. Wenn in der dritten Etage der Klosterstraße 59 das Telefon klingelt und irgendein Kreditinstitut 100 Millionen Euro anbietet, wird kurz verhandelt und gleich zugesagt. Günstige Zinssätze halten manchmal nur eine Stunde, da darf die Kreditreferentin nicht lange fackeln. Dann werden Schuldscheine und Verträge geschrieben und verschickt. Wenn Tagesgeld geordert wird, ist das oft schon zurückgezahlt, wenn die Papiere in der Post liegen. „Kredite besorgen ist ein schnelles Geschäft.“

Früher wurden in der Finanzverwaltung täglich fünf bis zehn Schuldscheine ausgestellt. Die besten Kunden waren deutsche Hypothekenbanken und Versicherungskonzerne. Und Landesschatzbriefe wurden verkauft. Aber beim Handel mit Geld geht man weltweit längst andere Wege. Im Trend liegen großvolumige Anleihen, die einfach zu handhaben sind. Wunderbar geeignet für das Massengeschäft. In diesem Jahr macht der Senat 4,29 Milliarden Euro neue Schulden. Für diesen Nettobetrag muss sich Berlin 10,52 Milliarden Euro leihen, denn 6,23 Milliarden Euro fließen 2003 für Zins und Tilgung an die Gläubiger zurück. Um an so viel Geld heranzukommen, werden festverzinsliche Wertpapiere mit einer Laufzeit von fünf bis zehn Jahren am Markt platziert.

Die verkaufen sich nicht von selbst; und so geht Susanne Reichenbach ab und zu mit Finanz-Staatsekretär Frank Bielka und dem Abteilungsleiter auf Reisen. In Kopenhagen, Stockholm, London oder Wien werden Roadshows veranstaltet, um die Ware hauptstädtisch zu präsentieren. Im Prospekt für die Investoren wird Berlin als „wichtiger Standort für Politik, Wirtschaft und Tourismus“ und als kulturelles Zentrum angepriesen. Mit drei Opernhäusern. Aber auch die Haushaltsnotlage wird erklärt, denn danach fragen die Analysten und Portfoliomanager in kleiner Runde. Die Bankgesellschaft ist immer noch ein heikles Thema. „Aber die Ratings helfen sehr“, sagt die Kreditreferentin.

Das sind Gutachten internationaler Finanzberater: Moody’s aus New York oder Fitch Ratings aus London. Sie bestätigen dem Land Berlin eine fabelhafte Bonität. Weniger die Sparpolitik als „the German system of Laenderfinanzausgleich“ sorgen für den guten Leumund. Berlin kann nicht pleite gehen und zahlt seine Verbindlichkeiten pünktlich zurück. Was will man mehr? 2003 ging schon die zweite Zwei-Milliarden-Anleihe, gestückelt in 1000-Euro-Papiere, weg wie warme Semmeln. Banken und Fondsgesellschaften sind die Hauptabnehmer. Die jüngste Anleihe kostet nur 3,75 Prozent Zinsen. Geld ist billig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Trotzdem bleibt es ein kniffeliger Job, niedrige Zinssätze rauszuholen. Das erfordert Erfahrung und genaue Kenntnisse des Marktes. Morgens im Büro geht es, nach ausgiebiger Zeitungslektüre, gleich ins Internet. Es folgen Telefonkonferenzen, Absprachen im eigenen Haus und mit den Kollegen aus anderen Bundesländern. Bei jeder Bank würde Susanne Reichenbach eine gute Figur machen. Die Volkswirtin ist energisch und selbstbewusst, angenehm im Gespräch – und in dem beige-braunen Kostüm wirklich fotogen. „Nein, bitte, kein Foto!“ Der Umgang mit Geld prägt – die Branche neigt zur Diskretion. Ab und zu schaut die Kreditspezialistin – ganz diskret – nach, wie es um Berlins Schulden steht. Montagmittag erschien auf ihrem PC-Bildschirm diese Zahl: 49 924 711 863,19 Euro.

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