Berlin : Auf Beutezug im Schloss

Zur Eröffnung des neuen Einkaufscenters gab es schon vormittags einen Besucheransturm

Bernd Matthies

Sekt und Orangensaft in der Sparkassenfiliale – das kennen normalerweise nur solvente Geldanleger. An diesem Vormittag in Steglitz wird beides nahezu ohne Ansehen des Kontostands ausgeschenkt, denn die Filiale ist neu – und das Gebäude drumherum erst recht. Erster Tag im „Schloss“, dem Einkaufszentrum am Rathaus Steglitz, und es passiert, was allen neuen Einkaufszentren der Region passiert: Die Menschen strömen hinein, teils einfach neugierig, teils in der Hoffnung auf kurzfristige, noch nie da gewesene Eröffnungs-Sonderangebote. Zäh schwappt der Verkehr über die bisher gut durchlässige Kreuzung vor dem Rathaus, die Polizei leistet Sonderschichten, holt aber bei den vielen Kreuz- und Quer-Parkern in der weiteren Umgebung auch Geld herein.

An diesem Vormittag bewegt sich auch drinnen, an den Engstellen des Gebäudes, nur noch wenig. Drunten im Lichthof hinter dem alten Rathaus, wo es Pizza, Sushi und Bockwurst gibt, tobt ein chinesischer Drachentanz und bringt den Fußgängerfluss ganz und gar auf null – mancher Besucher flüchtet da in Läden, in die er womöglich gar nicht gehen wollte. Angesichts dieser Enge rückt auch die ausgetüftelte Einrichtung – ein Hauch Las Vegas in Stuck für den Berliner Speckgürtel – ein wenig in den Hintergrund, und das Ganze wirkt wohl enger, als es im Alltagsbetrieb tatsächlich ist. Auch die auf den Computeranimationen weit und geheimnisvoll himmlisch wirkende Decke entfaltet ihren Zauber in natura noch nicht so ganz: Es entsteht der Eindruck einer technisch ausbaufähigen Direktübertragung aus einem weit entfernten Meerwasseraquarium.

Die Betreiber haben eine Ladenmischung angekündigt, die sich im mittleren Preissegment bewegt, und das bedeutet, dass die Kunden hier Geschäfte finden, die in jeweils etwas anderer Zusammenstellung durchweg auch die anderen großen Berliner Einkaufszentren bestimmen. Media-Markt und H&M, Drospa und Street One, Pimkie und Bijou Brigitte, Schuhe ohne Ende von Leiser, Görtz, Runners Point, Tack, 90 Händler und Dienstleister insgesamt – dieses Ladenpanorama ist für die Schloßstraße aber insofern neu, als es sich an eine junge, oft nicht sehr einkommensstarke Kundschaft richtet, die sich dort bislang eher nicht zu Hause fühlte. Wer preislich sehr gehobene Markenware oder besonders individuelle Produkte sucht, die es anderswo in Berlin nicht gibt, der ist vermutlich an der falschen Adresse.

Die meisten Geschäfte halten für die Besucher in diesen Eröffnungstagen Sonderangebote bereit. Die Sparkasse allerdings hat keine Kleinkredite zum Vorzugspreis parat, sondern ein Gewinnspiel, und mit kleinen Verlosungen ziehen auch andere Händler Kundschaft an, beispielsweise der Weltbild-Buchladen. Die Thalia-Buchhandlung, ebenfalls an feste Preise gebunden, rückt Wühltische mit Taschenbuch-Remittenden in den Vordergrund, überall gibt es irgendetwas, das Schnäppchenjäger zu einer weiteren Runde durch das Gebäude animieren könnte. Die Schloßstraße, das ist klar, hat mit dieser Eröffnung an ihrer bislang eher uninteressanten Ecke einen neuen Anziehungspunkt gefunden, der die gesamte Umgebung völlig verändern dürfte. Und auch das „Schloss“ selbst hat seinen Endzustand vermutlich noch längst nicht erreicht.

Das „Schloss“ hat heute und morgen noch von 9 bis 24 Uhr geöffnet. Am Sonntag von 12 bis 17 Uhr. Zu diesen Zeiten öffnen auch viele andere Geschäfte in der Schloßstraße.

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