Berlin : Auf Beutezug im Vorraum der Bank

Gestohlene Überweisungsaufträge und ausspionierte Kartendaten dienen als Vorlage für Fälschungen

Stefan Jacobs

Zwei Überweisungsaufträge hat Birgit H. vor einigen Tagen in den Nachtbriefkasten ihrer Rudower Sparkassenfiliale geworfen. Der eine wurde bearbeitet, der andere nicht. Dafür wurden wenig später von ihrem Konto 1500 Euro abgebucht – an einen Empfänger, den Birgit H. nicht kennt. Wenige Tage darauf traf es Thomas B. aus Kreuzberg: Statt 431 Euro an die Hausverwaltung gingen erst 631 und Tage später noch mal 780 Euro an einen Fremden. In beiden Fällen haben offenbar Kriminelle die Überweisungsaufträge aus den – besonders gesicherten – Bankbriefkästen geangelt und als Vorlage für Fälschungen verwendet. Es ist nur eine von mehreren Methoden, mit denen zurzeit Banken und deren Kunden in der Stadt betrogen werden.

Birgit H. hat inzwischen Anzeige erstattet und ihr Konto sperren lassen. Die Sparkasse habe ihr zugesagt, das Geld von der Bank des dubiosen Empfängers zurückzuholen und ihr weder die angefallenen Überziehungszinsen noch Gebühren für die neue Kontoeröffnung zu berechnen. Thomas H. allerdings ärgert sich, dass die Sparkasse die zweite betrügerische Überweisung von seinem Konto nicht von vornherein unterbunden hat. Schließlich sei sie auf dasselbe Konto desselben Empfängers – ebenfalls Kunde der Berliner Sparkasse – gegangen wie die erste, die er bereits Tage zuvor reklamiert habe. Bei den Empfängern könnte es sich um sogenannte Finanzagenten handeln, die eingehendes Geld gegen Provision auf – teils ausländische, teils von Kriminellen mit falschen Papieren eröffnete – Konten weiterleiten. Nach Auskunft der Polizei machen auch die Finanzagenten sich der Geldwäsche strafbar – selbst wenn sie nur leichtfertig gehandelt haben und nicht wussten, dass sie Verbrechern helfen.

Das Problem betrifft auch andere Banken. Über das Ausmaß sind keine Informationen zu bekommen; die Geldinstitute sprechen von „Einzelfällen“, sichern betroffenen Kunden Schadenersatz zu und geben sich ansonsten wortkarg. Bei der Sparkasse ist von „baulichen und organisatorischen Vorkehrungen zum Schutz der Nachtbriefkästen“ die Rede. Der betroffene Kasten in Kreuzberg wurde fürs Erste zugeschweißt und mit einem Zettel versehen, dass man Überweisungen bitte direkt in der Filiale abgeben möge.

Das raten auch andere Banken. Abgeschafft werden sollen die Nachtbriefkästen aber nicht. Eine Sprecherin der Berliner Bank sagt, die Kästen seien „mit einem Rückhaltesystem ausgestattet“ – und nennt vorsichtshalber keine Details. Bei der Commerzbank heißt es, das Sicherheitsniveau der Kästen sei „immens hochgegangen“. Allgemein gilt: Mit schlichten Metallhaken oder brachialer Gewalt ist nicht mehr viel zu holen.

Noch größere Sorgen bereitet der Polizei die Manipulation von Geldautomaten, durch die Betrüger direkt an Kartendaten und Geheimzahlen kommen. Rund 1000 derartige Fälle mit einer Schadenssumme von fast einer Million Euro habe es im vergangenen Jahr gegeben, berichtet ein Ermittler beim Landeskriminalamt. Erst am vergangenen Wochenende wurden zwei Fälle bekannt, bei denen unauffällige Aufsätze auf den Tastaturen befestigt wurden, um eingegebene Geheimzahlen zu speichern. Die zugehörigen Kartendaten wurden über ein kleines Zusatzteil im Kartenschlitz ausgelesen. Damit ließen sie sich sekundenschnell auf einen im Handel erhältlichen Kartenrohling kopieren. Einziger Trost: Dank einer zusätzlichen Sicherung der deutschen Bankkarten haben die gefälschten Karten bisher ausschließlich an ausländischen Automaten funktioniert.

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