Berlin : Auf Brauschau

Ein neues Buch dokumentiert die Geschichte der Bierherstellung in der Stadt.

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Mit Hut.
Mit Hut.

Wer durch die Brunnenstraße in Mitte spaziert, den Fernsehturm im Blick, der ahnt nichts von den Geheimnissen, die sich hier im Untergrund verbergen. Gleich am früheren Grenzstreifen befinden sich die Gewölbe der Oswald-Brauerei, wo einst Weizenbier hergestellt wurde. In dem Haus über den weitläufigen Kellerräumen hat der Verein Berliner Unterwelten seinen Sitz. Dessen Mitglieder kümmern sich um die Erhaltung und Erforschung wertvoller Baudenkmäler. In der Brunnenstraße 143 haben sie bereits mehrere Container Schutt aus den Gewölben ans Tageslicht befördert und eine Wendeltreppe besorgt, um das historische Aussehen wiederherzustellen.

Künftig sind hier Führungen durch die einzigen erhaltenen Brauereigewölbe in Mitte geplant. Außerdem will der Verein das Bauwerk unter Denkmalschutz stellen lassen. Einer der Brauereiexperten ist Henry Gidom. Der 34-jährige Historiker hat jetzt ein neues Buch zum Thema vorgestellt. Zwei Jahre hat er für den ersten Band von „Berlin und seine Brauereien“ recherchiert, in dem alle Standorte von 1800 bis 1925 verzeichnet sind. Der zweite Band, der die Zeit bis zur Gegenwart umfasst, ist bereits in Arbeit.

Der Leser erfährt in den Büchern, dass sich der Blick aufs Bier sehr gewandelt hat. „Wer Weißbier braut und Gott vertraut, wird niemals mehr verderben.“, hieß es beispielsweise im 19. Jahrhundert. Bier war als Grundnahrungsmittel angesehen. Im darin enthaltenen Alkohol sah man kein Problem – anders als heute. Schließlich tranken früher alle Bier: Männer, Frauen und sogar Kinder. Jeder konnte es sich leisten. Große Lieferungen gingen als Heilmittel an die Krankenhäuser. So mancher Bierfreund braute sogar bei sich daheim.

Zwischen 1820 bis 1840 zog es bayerische Braumeister scharenweise nach Preußen, in dem bislang das obergärige Weißbier hergestellt wurde. Jetzt konnte auch das untergärige „Bayrischbier“ in rauen Mengen produziert werden. Klug war, wer ins Biergeschäft einstieg, schließlich verdiente ein Braumeister mehr als ein Minister in Preußen. Überall entstanden Brauereien, vor allem in den weitläufigen Gebieten rund um die Stadttore wurden große unterirdische Gewölbe angelegt. Ein Beispiel ist die 1840 eröffnete Bockbrauerei auf dem Tempelhofer Feld. In dieser ersten bayerischen Brauerei Berlins ging es beim Feiern so überschäumend zu, dass die Polizei Gesetze zum Biertrinken vorgab. Neben dem Bierkrüge-auf-Tische-Hauen sollte auch das Eierwerfen oder das Spielen von „Radauflöten“ unterlassen werden. Die Bierbetriebe litten keineswegs darunter, um 1900 konnte sich Berlin mit 250 Brauereien größter Bierlieferant Europas, wenn nicht der Welt nennen. Der Erste Weltkrieg und die darauf folgende Inflation drehten dem Geschäft den Hahn zu – 85 Prozent gingen pleite. So manches Gewölbe wurde dann später, als der nächste Weltkrieg begann, zu Schutzanlagen für die Bürger umfunktioniert. Nur wenige Brauereien überlebten als solche. Heute stellen noch 16 Bier her, bekannteste ist die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei, deren Vorläufer schon 1842 existierten.

Die Brauerei-Gebäude gehören nach wie vor zum Stadtbild, dienen als Standort für Gewerbe oder Wohnen. Kultur ist nicht nur am früheren Schultheiss-Standort an der Schönhauser Allee eingezogen, sondern auch ins Kindl-Sudhaus in Neukölln. Und die Löwenbrauerei in Alt-Hohenschönhausen ist sogar ein Altersheim geworden. Caroline Stelzer

Henry Gidom: „Berlin und seine Brauereien. Gesamtverzeichnis der Braustandorte von 1800 bis 1925. Band 1“, Edition Berliner Unterwelten, 19,90 Euro

www.berliner-unterwelten.de

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