• Auf dem Boden des alten Cölln Ein historisches Kraftfeld und die magische drei „Mit der Natur statt gegen sie“

Berlin : Auf dem Boden des alten Cölln Ein historisches Kraftfeld und die magische drei „Mit der Natur statt gegen sie“

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EIn Platz im Wandel. Derzeit ist der Petriplatz an der Gertraudenstraße in Mitte eine beräumte Fläche. Das Foto von 1887 zeigt eines seiner alten Gesichter: die Ecke Scharrenstraße mit dem Gebäude der Ratswaage.
EIn Platz im Wandel. Derzeit ist der Petriplatz an der Gertraudenstraße in Mitte eine beräumte Fläche. Das Foto von 1887 zeigt...

Das Interesse war gewaltig, als die Archäologen am Petriplatz dem historischen Cölln auf die Spur kamen: Die Fundamente der Petrikirche, der angrenzenden Lateinschule, aus der später die Stadtschule hervorging, des Cöllner Rathauses sowie Überreste der ersten hier errichteten Fachwerkhäuser legten sie frei. Vor allem 370 Skelette und Gräber aus über 500 Jahren Stadtgeschichte, die rings um das Gotteshaus ausgegraben wurden, faszinierten die Besucher. Bis zum Jahr 1717 waren Berliner auf dem Friedhof am Petriplatz bestattet worden; viele der gefundenen Gebeine gehörten jung Verstorbenen. Neben dem Friedhof hatte, wie in vielen historischen Stadtkernen üblich, ein Gotteshaus gestanden: die Petrikirche. Sie überragte mit ihrem hundert Meter hohen Turm fast alle Bauwerke ihrer Zeit. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts soll sie errichtet worden sein, später vielfach erweitert und überformt. Ganz in der Nähe des Kirchen-Standortes machten die Archäologen einen Fund, der eine kleine Sensation barg: eine Eichenplanke, datiert auf das Jahr 1212. Damit ist der Streit darüber, ob die Wiege der Doppelstadt Cölln-Berlin auf der Fischerinsel liegt oder östlich der Spree zugunsten Cöllns entschieden – vorerst jedenfalls. ball

Ein dreieckiger Grundriss und drei Fassaden in dreieckiger Gestalt, die 14 Meter in die Höhe ragen, und vom kraftvollen Grundriss der früheren Petrikirche aus in den Himmel ragen: Ein „archäologisch-ontokulturelles Zentrum mit Paradiesgarten und Brunnenplatz“ schlägt das Team des „Studio für Landschaftskunst und Urbane Projekte“ für den Petriplatz vor. Inspiriert ist der Entwurf von der „magischen Zahl drei“, wie Landschaftsarchitekt Hartmut Solmsdorf sagt. Denn die hat für viele Kulturen eine symbolisch aufgeladene Bedeutung: von der slawischen Gottheit „Triglav“ bis hin zur Dreifaltigkeit im Christentum. Die Petrikirche, das Gotteshaus, das hier einmal stand, wird also nicht rekonstruiert, wohl aber dessen „Kraftfeld“ ausgenutzt. Denn das vermutet Solmsdorf in der Besonderheit dieses Ortes. Vor dem christlichen Gotteshaus soll es einmal eine slawische Kultstätte gegeben haben. Ein für jede Kultur offenes Haus soll das Zentrum werden, „wo der Pfarrer sein Kreuz aufstellen, der Moslem seinen Betteppich ausrollen oder auch der Buddhist meditieren kann“, sagt Hartmut Solmsdorf. Damit greifen die Planer die Idee eines gemeinschaftlichen Hauses für Vertreter verschiedener Religionen auf, schlagen aber ein „für alle offenes Haus“ vor, das nicht nur, wie das zurzeit an dem Ort geplante „Interreligiöse Bet- und Lehrhaus“, den drei Glaubensrichtungen Islam, Juden- und Christentum gewidmet ist. „Jeder glaubt an irgendetwas und jeder an etwas anderes“, sagt der Planer – und gebraucht auf seine Weise das Bonmot des Alten Fritz, wonach jeder nach seiner Façon selig werden solle. Diese Offenheit für unterschiedliche Lebensstile und Glaubensrichtungen sei bis heute ein Grund für Berlins große Anziehungskraft: Weil sich der Geist hier frei entwickeln kann. Und die „Berliner Schnauze“, nie um eine Replik verlegen, sei der populäre Ausdruck der schnellen Auffassungsgabe. Das alles, sagt Solmsdorf, habe auch mit der Landschaft zu tun: märkischer Sand, Kies und viel Wasser – ein lichter, klarer Boden.

Der aber liegt am Petriplatz tief unter den großzügig asphaltierten Fahrwegen. Wie also muss man sich einen Raum der Einkehr vorstellen, der mitten im tosenden Verkehr liegt? Abgeschottet vom Verkehr durch aufgeschüttetes Erdreich und abgeschieden vom hektischen Alltag durch eine Klinkermauer und durchsichtige Wände, an denen Kletterpflanzen emporranken. Bis zu vier Meter über das Straßenniveau sollten diese Schutzwände ragen, damit sie möglichst viel Lärm abschirmen. Und auch die Fachwerkfassade des angrenzend geplanten Archäologischen Zentrums, so Solmsdorf, solle an die Geschichte des Ortes erinnern. Holzbalken als tragende Elemente, die Wände aus Lehm oder anderem Füllstoff, weil auf der Fischerinsel einst so gebaut wurde. An diese im steinernen Berlin vergessene Tradition erinnert der Neubau.

Über den Platz lässt das Büro einen Weg mäandern, an Blumenwiesen vorbei. Den Zugang zu diesem Ort der Einkehr legen die Planer an der Brüderstraße; er führt in den ruhigeren Kern der Spreeinsel. Dort steht noch das Galgenhaus, eines der ältesten Gebäude Berlins. Es ist ein eher kleines Gebäude, mit dem sich Berlin in einem anderen, in seinem früheren Maßstab zeigt – lange bevor die großen Achsen und die gewaltigen Bauten der klassizistischen und wilhelminischen Stadt entstanden sind. Ralf Schönball

Landschaftsarchitekt Hartmut Solmsdorf entwickelte die Ideen für den Petriplatz in Zusammenarbeit mit Psychologin Petra Junghähnel vom Potsdamer Institut für ganzheitliche Gesundheitskultur und Hans-Jörg Müller, Geomant und Institutsleiter von „Axis Mundi“. Solmsdorfs geomantisch inspirierter Ansatz versucht die „Identität eines Lebensraumes oder einer Landschaft zu erfassen und diesen individuellen Ausdruck durch Gestaltung zu verstärken“. Anders ausgedrückt: Es ist einfacher mit der Natur zu arbeiten als gegen sie. Das Dreierteam will mit seinem Entwurf für ein „archäologisch-ontokulturelles Zentrum“ durchaus provozieren. „Wir halten es da ganz mit Schinkel, wollten etwas ganz Neues und anderes machen“, sagt Solmsdorf. Zu den Projekten seines Büros zählen unter anderem die Gutsparks Neuruppin und Liepe. ball

Urbane Projekte Landschaftsarchitektur und -planung, Windscheidstr. 40, 10627 Berlin

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