Auf dem Eis eingebrochen : "Ich war dumm"

Rainer Jessen ging mit seinem Enkel auf den zugefrorenen Schlachtensee und brach ein. Hier dankt er den Rettern – einer wird sogar geehrt.

Jan Oberländer
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Rainer Jessen -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Rainer Jessens Armbanduhr ist vergangenen Freitag um 14:46 Uhr stehen geblieben. Der 56-Jährige, der eine Zehlendorfer Behinderteneinrichtung leitet, hatte sich über Neujahr frei genommen, sein Enkel war zu Besuch, sonst lebt Julian in Dänemark bei seinem Vater, einem Bootsbauer. Jeden Mittag steckte Jessen den Zweijährigen in den Kinderanhänger und radelte mit ihm von seinem Wohnort Kleinmachnow nach Zehlendorf. Am Freitag nahm er einen Umweg. Zum Schlachtensee.

"Der See war einladend", sagt Jessen im Gespräch mit dem Tagesspiegel. "Es waren Leute auf dem Eis, Eishockeyspieler. Da traf mich der flitzige Gedanke, da auch drauf zu müssen." Mit Fahrrad und Anhänger fuhr er auf die schneebedeckte Fläche. Leichtsinn sei das gewesen, Ignoranz, Dummheit. "Oder eine Mischung aus allem." Schon nach ein paar Metern habe ein Spaziergänger gerufen: "Runter da!" Jessen war auf der nur dünn überfrorenen Westseite des Sees. Sofort drehte er um - zu spät. Er erinnert sich genau an das "schrill-helle Knirschen" des brechenden Eises. Jessens Rad sank unter ihm weg, der Anhänger kippte hoch, Julian lag griffbereit. Dass er unangeschnallt im Kindersitz lag - wiederum Leichtsinn. Aber lebensrettendes Glück.

Um sein eigenes Leben, sagt der leidenschaftliche Surfer und Segler Jessen, habe er in der Viertelstunde im rund ein Grad kalten Wasser nicht gebangt. Wichtig war, den Enkel zu retten. "Es durfte einfach nicht schiefgehen." Nie werde er das "Panikhorrorgesicht" des Kleinkinds vergessen. Drei Mal habe er versucht, den schrill schreienden Julian aufs Eis zu heben, drei Mal brach es weg. Als seine Arme taub wurden, biss Jessen in den Kragen des Schneeanzugs, den sein Enkel trug. So hielt er ihn, "wie ein Eisbär".

Es gab keine Vorwürfe

Das reine Glück sei gewesen, dass so viele geistesgegenwärtige Menschen in der Nähe waren, sagt Jessen. Er ist ihnen unendlich dankbar. Eine Passantin aus Spandau war bei dem Versuch, Großvater und Enkel aus dem Eisloch zu ziehen, selbst eingebrochen, ihr Mann holte die Rettungsleiter vom Ufer. Ihnen will Jessen noch eine Flasche Champagner vorbeibringen. Auch der 44-jährige Feuerwehrmann Dirk Macher war zufällig privat in der Nähe der Unglücksstelle. Er organisierte die Rettungsaktionen. Für seinen Einsatz wird er am heutigen Freitag in der Feuerwache Mitte vom Landesbranddirektor geehrt. Macher selbst findet sein Handeln "selbstverständlich".

Irgendwann konnte ein Helfer den Jungen aufs Eis holen, auf einem Schlitten wurde er zu den bereit stehenden Notärzten gebracht. Jessens Hände waren taub, konnten die Leiter nicht greifen. Seine Lederhandschuhe retteten ihn: Er hakte die steif gefrorenen Stulpen in die Sprossen - und wurde aus dem Wasser gezogen.

Julian hatte nur noch 31 Grad Körpertemperatur, im Benjamin-Franklin- und später im Virchow-Klinikum wurde er aufgewärmt und stabilisiert. Nach einer Nacht im Krankenhaus konnte er - ebenso wie sein heilfroher, reumütiger Opa - nach Hause. Der Enkel schlafe durch, sagt Jessen. "Er ist super drauf." Nach dem Unfall hatte er ein wenig Angst, seinem Sohn unter die Augen zu treten. "Aber er hat mich mit 'Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag' begrüßt." Man habe sich ausgesprochen. Es gab keine Vorwürfe.

Und Jessen selbst? Hat der 2. Januar 2009 ihn verändert? "Ich halte jetzt öfter inne, denke einmal mehr nach. Auch im Straßenverkehr." Seine Lektion hat er gelernt: "Absaufen im Eisloch ist ein jämmerliches Ende."

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