Berlin : Auf dem Kirchplatz wurde eine Glockengießerei aus dem 14. Jahrhundert ausgegraben

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Die Kleinstadt Bernau am nördlichen Berliner Stadtrand feiert seit einigen Tagen eine richtige Sensation: Direkt neben der mächtigen St. Marien-Kirche wurde bei Grabungsarbeiten eine Gießvorrichtung für Kirchenglocken aus dem 14. oder 15. Jahrhundert entdeckt. Solche Anlagen sind nach Auskunft der Archäologen ohnehin schon sehr selten zu finden, in Bernau aber handelte es sich sogar um eine Form zum gleichzeitigen Gießen von zwei Glocken. Deshalb sei der Begriff Sensation durchaus angebracht, heißt es von den Fachleuten der Berliner Gesellschaft für Archäologische Denkmalpflege.

Der Glockenguss erforderte schließlich auch im Mittelalter höchste Handwerkerkunst, um Schwingungen zu berechnen und das Geläut abzustimmen. Der Platz in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche sei damals nicht zufällig gewählt worden. So habe man ganz einfach den Transportweg verkürzt.

Für die vielen Laien, die den ganzen Tag über den Archäologen über die Schultern blicken, sind aber die runden Gußformen gar nicht mal so spektakulär. Interessanter sind für sie die erstaunlich gut erhaltenen Skelette. Sie lagen kurz über der Gießanlage und stammen wahrscheinlich aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Auf wenigen Quadratmetern fanden die Experten bis zu 70 Skelette von Erwachsenen und Kindern. Diese Häufung deutet nach den bisherigen Kenntnissen auf eine Epidemie hin. In der Stadtchronik findet sich der Hinweis auf das Jahr 1598, in dem der Friedhof neben der Kirche nach mehreren Pestwellen für lange Zeit geschlossen wurde. Nur noch wenige Bestattungen fanden später hier statt.

Wie so oft in Brandenburg wurde auch in Bernau der Fundort eher zufällig entdeckt. Denn über den Kirchplatz sollte eine Trink- und Abwasserleitung gelegt werden. Als die Bauleute dabei auf Knochenreste stießen, alarmierten sie die Archäologen. Die kleine Sensation in der kleinen Stadt war perfekt, auch wenn die eigentlichen Bauarbeiten jetzt erst einmal ruhen müssen.

Vor allem Schulklassen haben jetzt ein unterhaltsames Ziel für den Geschichtsunterricht gefunden. So nah waren sie dem Mittelalter schließlich noch nie.

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