Berlin : Auf dem Platz bei Freunden

Marwin spielt bei Türkiyemspor in Kreuzberg. In seiner Mannschaft hat er als einziger deutsche Eltern

Katrin Zeug

Wenn Deutschland heute gegen die Türkei spielt wird Marwin mit seiner Familie und den Nachbarn auf der Dachterrasse vor der Leinwand sitzen und die deutsche Fahne für Deutschland schwenken. Er grinst schelmisch, wenn er davon redet – von seinen Freunden ist an diesem Tag keiner für Deutschland.

Mit ihnen zusammen rennt Marwin an diesem Nachmittag über den Platz. Fußballtraining der E- Jugend von Türkiyemspor in Kreuzberg. Seine Beine sind ein bisschen länger als die der anderen, seine Schritte ein bisschen weiter. Es wirkt, als tanze er mit dem Ball. Die Jungs schreien über den Platz. Türkische Worte vermischen sich mit deutschen: „Süper, Marwin!“ ruft einer und klopft ihm auf die Schulter.

Marwin strahlt. Er ist groß für sein Alter und sehr blond. Sonst fällt er eigentlich nicht weiter auf zwischen Hakan, Tolunai, Cihan und den anderen Jungs. Marwin, 10 Jahre alt, wohnt in Kreuzberg und ist in seiner Mannschaft beim Club Tükiyemspor – dem Herzen des türkischen Fußballs in Berlin – der einzige mit deutschen Eltern. Genau wie in seiner Schulklasse und in seinem Freundeskreis. Probleme hat er deshalb keine, im Gegenteil. „Wir haben uns zu Beginn schon Sorgen gemacht, hier wird ja überall nur Türkisch gesprochen“, sagt sein Vater, aber dann seien sie da „offensiv rangegangen“.

Und das heißt: Seit der ersten Klasse ist Marwin auf einer zweisprachigen Schule. Dort hat er neben Deutsch auch Türkischunterricht und einen Teil der Sachfächer auf Türkisch. Marwins Eltern sehen die türkische Kultur und Sprache mittlerweile als Bereicherung zur eigenen.

Freitagmorgen, Türkischstunde in der 5. Klasse der Aziz-Nesin-Schule. Harun, einer von Marwins Mitschülern, steht vorn und stellt sein Lieblingsbuch vor, eine türkische Tiergeschichte. Es ist ruhig, alle lauschen aufmerksam. An der Tafel steht, was die Schüler bei der Textanalyse beachten sollen. Auf Türkisch und auf Deutsch. Marwin sitzt in der dritten Reihe links außen. Er meldet sich und fragt Harun, was der spannendste Teil seiner Geschichte war – selbstverständlich auf Türkisch. Marwin spricht fließend. Die Aziz-Nesin-Schule ist eine staatliche Europaschule, benannt nach einem linksliberalen Schriftsteller und Satiriker in der Türkei. Der Unterrichtsstoff richtet sich nach dem normalen Berliner Rahmenlehrplan, mit der Ausnahme, dass auf Türkisch und Deutsch unterrichtet wird.

Viele deutsche Eltern schreckt genau das ab. Ihre Kinder sollen lieber Französisch oder Spanisch, Latein oder Chinesisch lernen und zum Austausch nach Neuseeland, Norwegen oder Peru fahren. Marwin war gerade mit seiner Klasse in der Türkei. Eine Woche wohnte er in einer Familie in Izmir, er sagt, es sei dort ziemlich heiß und gebe „viel weniger Kopftücher, als in Kreuzberg“. In Marwins Klasse haben alle bis auf ihn mindestens einen türkischen Elternteil, ihre Sprachkenntnisse sind trotzdem unterschiedlich. Manche wachsen bei ihrer deutschen Mutter auf oder haben türkische Eltern, die sehr gut Deutsch sprechen. Andere kommen aus türkisch-polnischen oder türkisch-russischen Familien und lernen Deutsch als dritte Sprache. Je nach Muttersprache werden sie besonders gefördert. „Die Kinder sollen sich auf das Deutsche einlassen können, ohne ihre eigene Herkunft leugnen zu müssen. Integration bedeutet für uns, voneinander und miteinander zu lernen“, sagt Demet Siemund, die Klassenlehrerin.

Marwin sitzt darum neben Bilge – sie haben ähnliche Stärken und Schwächen in der jeweils anderen Sprache. Weihnachten wird in ihrer Schule genauso gefeiert wie das Zuckerfest am Ende der Fastenzeit. Religionsunterricht gibt es keinen – und Kopftücher sind genauso ungern gesehen wie Nationaltrikots und Fahnen zur Europameisterschaft.

Wenn Marwin von seinen Freunden erzählt, von türkischem Essen, von Festen mit Großfamilien und Musik, dann fließen die fremden Worte wie selbstverständlich aus seinem Mund: Köfte, Küsür, Saz. So wie andere Jugendliche von Bratwürstchen, Sahnetorte oder Blockflöten erzählen. Weich klingt Marwins Türkisch. Für Marwin ist nicht die Sprache das Fremde, es sind die gängigen Vorurteile über Türken in Deutschland: Kriminalität, Drogen, Integrationsverweigerung. Er unterscheidet nicht nach Nationalitäten, sondern zwischen schlechten und guten Jungs. Die schlechten, das sind die, die an der Ecke stehen und ihm nachrufen: „Fick deine Mutter!“ Die guten sind wie seine Freunde, die in solchen Situationen mit den Achseln zucken und einfach weitergehen.

Wo seine Freunde herkommen? Alle aus Kreuzberg. So wie er. Ob es trotzdem einen Unterschied gibt? Marwin denkt nach. Dann sagt er: „Ich bin ein Deutsch-Deutscher.“ Ein Deutscher mit deutschen Eltern. Auch das klingt völlig normal, wenn Marwin es sagt. Heute Abend wird er den Unterschied ein bisschen ausleben. 90 Minuten lang. Und wenn Deutschland verliert? Dann schwingt er im Finale die türkische Flagge. Katrin Zeug

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