Berlin : Auf dem Weg zur Weltsensation

Die WM zeigt Wirkung: Die Tourismusbranche feiert immer neue Rekorde

Christian Tretbar

Der große Erfolg kam, als schon alles vorbei war. Denn die Fußball-Weltmeisterschaft hat dem Berliner Gastgewerbe einen kräftigen Schub verliehen. Zum ersten Mal wird das Hotelgewerbe in diesem Jahr die Marke von 16 Millionen Übernachtungen knacken. Bis 2010 soll dann die 20-Millionen-Grenze überschritten werden. Dabei waren die Wochen des Turniers noch die schwächsten. „Im Juni hatten wir schlechtere Zahlen als im Vorjahr, weil uns das Konferenzgeschäft wegbrach. Aber der WM-Effekt war sehr nachhaltig“, sagt Hans Eilers, Vizepräsident und Fachgruppenleiter Hotellerie des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Hoga). Auch die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) ist von der lang anhaltenden Wirkung der WM überzeugt. „Das Turnier hat Berlin einen unheimlichen Imagegewinn beschert, der noch lange nachhallen wird“, sagt Natascha Kompatzki, BTM-Sprecherin.

Die Auslastungsquote der knapp 600 Berliner Hotels stieg insgesamt auf über 70 Prozent – drei Prozent mehr als 2005. „Es gibt viele, die Berlin nach der WM als Reiseziel entdeckt haben“, sagt Kompatzki. Besonders erfreut sind die Hoteliers darüber, dass sich die neue Rekordmarke auch in ihren Umsatzzahlen niederschlägt. Nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes verzeichnete das Gastgewerbe ein Umsatzplus von 2,5 Prozent in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres. „Das Ergebnis fällt in den einzelnen Bereichen zwar unterschiedlich aus, aber insgesamt gibt es eine sehr positive Tendenz“, so Eilers. Und das gelte auch über 2006 hinaus. Das Beherbergungsgewerbe kann im Zeitraum Januar bis September mit einem Umsatzzuwachs von 12,9 Prozent ein dickes Plus verbuchen.

Aus den Erfahrungen der WM will das Stadtmarketing lernen und weiter auf Großveranstaltungen setzen. Weil es eine Fußball-WM so schnell nicht mehr in Deutschland geben wird, setzen die PR-Strategen jetzt auf die Kultur. „Das wird im Zentrum unserer Vermarktungskampagne im nächsten Jahr stehen“, sagt Kompatzki. Mit dem Moma-Gastspiel 2004 in der Neuen Nationalgalerie hat Berlin bereits positive Erfahrungen gemacht. 1,2 Millionen Besucher schauten sich die Ausstellung an. Im kommenden Jahr hofft man ebenfalls auf einen großen Andrang, wenn Werke aus dem New Yorker Metropolitan Museum in der Neuen Nationalgalerie zu Gast sein werden (1. Juni bis 7. Oktober). Die Veranstalter rechnen mit 400 000 Besuchern. Welche ökonomischen Auswirkungen eine solche Veranstaltung hat, sei jedoch schwer zu sagen. „Viele Touristen kommen nicht eigens wegen einer Ausstellung nach Berlin, nehmen sie aber zum Anlass eines lange geplanten Besuchs“, sagt die BTM-Sprecherin. Im Durchschnitt bleibe ein Tourist 2,3 Tage in Berlin und gebe täglich 178,10 Euro aus. 26,20 Euro davon entfallen auf den Einzelhandel, 16,90 Euro auf Dienstleister und 125 Euro auf das Gastgewerbe.

Für Letzteres ist der Tourismus damit eine wesentliche Einnahmequelle. Insbesondere die Gaststätten hängen am Tropf der Berlinbesucher. Sie können vom großen Umsatzplus der Hotels nur träumen: Sie haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres 6,8 Prozent weniger Umsatz verbucht als im selben Zeitraum des Vorjahres. „Ohne das Geschäft mit den Touristen würde es aber noch viel schlechter aussehen“, sagt Klaus-Dieter Richter, Hoga-Vizepräsident und Fachgruppenvorsitzender für das Gaststättengewerbe. Die Umsatzeinbußen hätten unterschiedliche Gründe. Von der WM profitierten die Kneipen nicht, weil die Berliner lieber zum Public Viewing auf die Straße des 17. Juni gegangen seien. Der Hauptgrund liegt für Richter aber in der Zurückhaltung der Berliner: „Die Leute haben zu wenig Geld, um oft auszugehen. Deshalb ist der Tourismus für uns wichtig.“

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