Berlin : Auf dem Weg zur Wende

Der 9. November 1989 jährt sich zum 15. Mal. Der Tagesspiegel erinnert ab morgen täglich an die spannende Zeit vor dem Mauerfall

Andreas Conrad

Auch für das Karussell- und Zuckerwattegewerbe bedeutete der Spätherbst 1989 eine einschneidende Wende. Auf dem Oktoberfest deutete sie sich an. Der in West-Berlin ansässige Schaustellerverband beging in jenem Jahr – wie die DDR – das 40-jährige Bestehen, und aus diesem Anlass waren am 12. Oktober erstmals seit Jahrzehnten auch wieder acht Ost-Artisten beim West-Rummel dabei.

Am selben Tag beschäftigte sich der für Bundesangelegenheiten zuständige Ausschuss des Abgeordnetenhauses mit der Frage, inwieweit die von den immer zahlreicheren Übersiedlern importierten Wartburgs und Trabants nach Verkauf weiterbetrieben werden dürften, trotz ihrer jeglichen Westnormen spottenden Abgaswolken. Bonn hielt das für zulässig, das Abgeordnetenhaus war dagegen.

Auch auf so alltäglichem Niveau deutete sich der Tag der Tage an – der 9. November 1989, der sich in zwei Wochen zum 15. Mal jährt. Der Tagesspiegel wird aus diesem Anlass von Dienstag an täglich Artikel dokumentieren, die jeweils am Tag vor genau 15 Jahren in dieser Zeitung erschienen und über die sich andeutende Wende in der deutschen Geschichte berichteten. Das waren nicht immer historische Sternstunden, in denen politische Führer gestürzt wurden oder das Volk sich in großen Demonstrationen für die Zukunft erklärte. Die Revolution kam auch in leisen Schritten.

Dabei hatte das Jahr 1989 für Berlin angefangen, als sei man noch mitten im Kalten Krieg. Schon am 4. Januar war an der Mauer in Lichtenrade auf einen Flüchtling geschossen worden, der unverletzt West-Berlin erreichte. In der Nacht auf den 6. Februar peitschten wieder Schüsse an der Grenze, diesmal am Britzer Verbindungskanal. Von mehreren Kugeln getroffen, starb der 20-jährige Chris Gueffroy qualvoll. Er wurde der letzte Mauertote, sieht man von dem 32-jährigen Winfried Freudenberg ab, der am 8. März mit einem Ballon die Grenzanlagen überwand, über Zehlendorf aber in den Tod stürzte.

Schon in den ersten Wochen des Jahres hatte sich aber auch gezeigt, dass die Mauer ihre repressive Funktion zunehmend einbüßte. Am 9. Januar war eine Gruppe von DDR-Bürgern in die Bonner Vertretung in Ost-Berlin geflüchtet, um die Ausreise zu erzwingen. Zwei Tage später verließen sie das Gebäude wieder, nachdem Straffreiheit und Überprüfung der Ausreiseanträge zugesichert worden waren.Die Methode machte Schule – so schnell, dass am 8. August die Bonner Vertretung in der Hannoverschen Straße für Besucher geschlossen werden musste. Rund 130 DDR-Bürger hatten dort Zuflucht gesucht, menschenwürdige Unterbringung sei nicht mehr möglich, hieß es. Auch im Durchgangsheim Marienfelde sprach man von einer „großen Notsituation“. Angesichts des Ansturms von Aus- und Übersiedlern war man dort schon auf Turnhallen als Unterkunft ausgewichen.

Das größte Schlupfloch aber hatte sich in Ungarn aufgetan. Am 27. Juni durchtrennten der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock symbolisch den Stacheldrahtzaun zwischen ihren Ländern – Auftakt zum Abbau der Grenzanlagen, was einen ersten Flüchtlingsstrom von DDR-Bürgern auslöste. Am 10./11. September gab Ungarn auch die Grenzkontrollen auf und ließ die Ausreisewilligen ungehindert nach Österreich. Bis Ende des Monats verließen rund 30000 Aussiedler die DDR auf diesem Weg. Andere wählten die Botschaftsroute über Prag oder Warschau. Der innere Druck auf die DDR-Führung nahm dennoch nicht ab, im Gegenteil. Bei den DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai hatte das Ergebnis mit 98,85 Prozent Ja-Stimmen zur Einheitsliste der Nationalen Front erstmals unter 99 Prozent gelegen. Doch war auch dies, so der von Oppositionsgruppen rasch erhobene Vorwurf, nur durch massive Fälschungen zustande gekommen. Als Reaktion kam es auch in Ost-Berlin zu Demonstrationen, so am 7. Juli auf dem Alexanderplatz, wogegen die DDR-Behörden mit Gewalt vorgingen . In den folgenden Monaten gab es immer wieder Demonstrationen und Proteste in Ost-Berlin, so am 13. August, dem Tag des Mauerbaus, vor dem Brandenburger Tor und am 7. September wieder auf dem Alexanderplatz.

Die DDR-Führung bereitete sich unverdrossen auf die Feiern zum 40. Jahrestag der Staatsgründung am 7. Oktober vor – nach denen es mit dem Jubilar dann sehr schnell zu Ende ging. Zwar gab es noch die übliche Militärparade auf der Karl-MarxAllee, auch der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow kam zu Besuch, aber was er Erich Honecker zu sagen hatte, war mehr als deutlich: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Die Verstärkung der Grenzanlagen am Checkpoint Charlie, um eventuellen West-Protesten vorzubeugen, half nicht mehr. Ebenso wenig die Zurückweisung vieler West-Besucher am Jubiläumstag und die gewaltsame Auflösung der Demonstration, bei der tausende von DDR-Bürgern zum Palast der Republik gezogen waren, wo der Abschlussempfang der Feiern stattfand. Keine zwei Wochen später, am 18. Oktober, wurde Honecker von allen Ämtern entbunden und Egon Krenz zum Nachfolger ernannt. Noch im Januar hatte Honecker versichert, die Mauer werde „in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind“. Sie überdauerte ihn drei Wochen.

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