Berlin : Auf den Frühling reagieren Allergiker mit Fluchtgedanken

Wer sich nicht in pollenärmere Zonen bewegen kann, ist auf Vorhersagen angewiesen. Eine der neusten Messstationen steht auf dem Dach der Charité

Adelheid Müller-Lissner

Hasel, Erle und Birke machen den Anfang. So schön es ist, dass sie im Frühjahr zu blühen beginnen: Auch große Naturliebhaber unter den Pollenallergikern können sich allenfalls halbherzig dieser Pracht erfreuen. Die Pollen sind der Blütenstaub der Pflanzen, und bei Berührung mit der Schleimhaut entleeren die Befruchtungszellen dort ihren Inhalt. Wer gegen sie sensibilisiert ist, dessen Körper zeigt die typischen allergischen Reaktionen, für die sich der Sammelbegriff „Heuschnupfen“ eingebürgert hat. Mediziner sprechen von „Rhinokonjunktivitis“, wenn allergiebedingt die Nase läuft und verstopft, die Augen tränen und jucken. Jeder dritte Bundesbürger leidet dem Ärzteverband Deutscher Allergologen zufolge an einer Allergie.

Für die Betroffenen ist es wichtig, den Schaden zu begrenzen, indem sie ihr Leben in der Saison ganz realistisch auf die drohende Plage einstellen. So sollten sie sich die Haare vor dem Schlafengehen waschen und das Zimmer in der Stadt erst am Morgen lüften. Zum Beispiel kann es für Birkenpollenallergiker eine gute Idee sein, die Flucht mit einem späten Skiurlaub in die Alpen anzutreten. Doch wann die Saison beginnt, das ist von Jahr zu Jahr verschieden. Der Beginn der Baumblüte hängt vom Wetter ab.

Immerhin sind inzwischen in der Saison Pollenflug-Vorhersagen von drei bis fünf Tagen möglich. Dabei spielen die rund 50 Pollenfallen, die bundesweit von Februar bis August aktuelle Messwerte liefern, eine wichtige Rolle. Sie messen auch Pollen, die bis zu 30 Kilometer weit gestreut werden. „Je dichter die Falle bei den Betroffenen liegt, desto genauer sind die Messungen“, sagt Allergieexperte Karl-Christian Bergmann von der Charité, der zugleich Vorsitzender der in Bad Lippspringe ansässigen Stiftung Pollenflugdienst ist.

Mit Beginn der diesjährigen Pollenflugzeit hat die Charité eine eigene Messstation auf dem Dach der Charité-Hautklinik am Campus Mitte in Betrieb genommen. „Berlin hat damit, wie es sich für die Hauptstadt gehört, eine von sieben Referenz-Messstellen, die ganzjährig messen“, erläutert Bergmann. Für Heuschnupfen-Geplagte ist es wichtig, ihre persönliche Pollenvorhersage für die nächsten Tage zu kennen. „Man kann bei starkem Pollenflug schon vorbeugend Medikamente nehmen“, sagt Bergmann. Wichtig sind dabei vor allem Mittel aus der Gruppe der Antihistaminika. Diese Medikamente sind Gegenspieler des Stoffes Histamin, der bei einer allergischen Reaktion vermehrt ausgeschüttet wird und die akuten Symptome verursacht. Weil die Mittel kaum etwas gegen die Verstopfung der Nase ausrichten können, muss die Therapie meist durch Nasentropfen oder -sprays ergänzt werden. Auch Kortisonpräparate, die ebenfalls nur vor Ort – an der Nase – und nicht in Pillenform gebraucht werden, sind wichtig, denn sie unterdrücken die Entzündungsreaktion.

An der Charité soll die neue Messstelle nicht allein zum direkten Nutzen der Patienten, sondern auch für Forschungszwecke genutzt werden. Auch dafür müssen die Mediziner heute eng mit Meteorologen und Botanikern zusammenarbeiten. „Wir beschäftigen uns zum Beispiel heute intensiv mit der Frage, warum die Pollen immer aggressiver werden“, erläutert Bergmann. Er hat dabei die städtischen Gebiete im Blick. „In den Städten leiden heute wesentlich mehr Menschen unter Heuschnupfen und Asthma als auf dem Land.“

Einerseits gibt es gute Hinweise darauf, dass das Aufwachsen unter ländlichen Bedingungen – mit viel Kontakt zu Tieren und unter weniger „sterilen“ hygienischen Bedingungen – einen Schutz vor Allergien darstellt. Doch das erklärt nach Ansicht von Allergieforschern nicht den ganzen Unterschied. „Wir vermuten auch, dass Pollen durch die Anlagerung von Feinstäuben aggressiver werden“, erläutert Bergmann. Auch klimatische Veränderungen scheinen eine Rolle zu spielen. Denn zumindest für die Baumpollen gilt: Ihre Saison dauert inzwischen länger, sie erstreckt sich von Februar bis Mai. Außerdem haben die Forscher festgestellt, dass jedes zweite Jahr ein besonders starkes Birkenpollenjahr ist. 2006 droht wieder ein solches „starkes“ Jahr zu werden. Warum das so ist? Das ist eine noch offene Frage, die nur von Wetter- und Pflanzenspezialisten gemeinsam beantwortet werden kann. „Zudem verbreiten sich derzeit in ganz Europa neue Pollenarten“, erklärt Bergmann. Eine von ihnen stammt vom beifußblättrigen Traubenkraut (englisch „Ragweed“), einem Unkraut. Besonders unangenehm an dieser Pollenplage: Sie scheint schnell zu Asthma zu führen. In diesem Jahr soll auf den Messstationen in ganz Deutschland erstmals gezielt nach diesen Pollen gefahndet werden.

Vorhersagen für Europa:

www.polleninfo.org

Vorhersagen für Deutschland:

www.pollenstiftung.de

Vorhersagen für Berlin-Brandenburg:

Tel. 09001 11548087

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