Berlin : Auf den König der Hackeschen Höfe wartet die Haftzelle

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Von Christian van Lessen

Eine Pose hat ihn berühmt gemacht. Den rechten Arm hält er waagerecht vor die Brust, die linke Hand stützt die linke Wange. So sieht ein lächelnder Sieger aus, so ließen sich früher Großwildjäger ablichten, die Füße auf erlegte Tiger oder Löwen gesetzt. Die Füße von Roland Ernst, dem einstigen König der Baulöwen, stehen in den restaurierten Hackeschen Höfen, die ihn als Hintergrund umrahmen. Die Höfe, die schnell zu einem Magneten für Einheimische und Touristen wurden, sind das Lieblingswerk des älteren Mannes. Ganz oben, im vierten Stock, hat er eine Wohnung, von der er gern in die Höfe blickt und zum nahen Fernsehturm. Es ist ein Foto, das Roland Ernst immer wieder gern ansieht, das ihn auch traurig macht, weil die Aufnahme fünf Jahre alt ist, und Roland Ernst tief gefallen ist und vor Gericht steht und und mit Gefängnis rechnen muss. Roland Ernst – der hat noch immer einen exotischen Klang in der Berliner Bau- und Immoblienbranche. Roland Ernst kam wie aus dem Nichts und trat ganz unvermittelt von der Baubühne ab. Wenn jetzt in Bochum das Urteil gegen den Heidelberger Immobilien-Entwickler verkündet wird – die Staatsanwaltschaft wirft ihm Untreue, Bestechung und Beihilfe zur Steuerhinterziehung vor und hat eine vierjährige Haftstrafe beantragt - wird auch die Berliner Baubranche aufhorchen. Und die, die sich von ihm Bürohäuser bauen ließen, werden froh sein, dass sie die Boomphase rechtzeitig nutzten und nicht auf Bauruinen sitzen bleiben mussten.

Der Mann ist, als das Foto aufgenommen wird, ganz oben. Die Stadt liegt ihm zu Füßen. „Wo immer man hinschaut, Ernst ist schon da“, spötteln neidische Konkurrenten. Überall, wo an prominenter Stelle gebaut wird, scheint Roland Ernst seine Finger im Spiel zu haben. Er hat das (West-)Berliner Baukartell kräftig aufgemischt, das sich vorm Mauerfall gegen den Eindringling aus Heidelberg, der niedrigere Preise versprach, noch erfolgreich hatte wehren können.

Er hat wichtige Mosaiksteine des neuen Berlin gesetzt, den Glaspalast des Lafayette und das Quartier 108 an der Friedrichstraße oder die Treptowers beispielsweise, er war an der Entwicklung der Park-Kolonaden am Potsdamer Platz beteiligt, oder auch am Neuen Kranzler-Eck, er lieferte Projektarbeiten für das historische Postfuhramt an der Oranienburger Straße, er machte aus einer Industriebrache am Südrand von Teltow einen der größten Gewerbeparks Deutschlands, er war am Potsdam-Center beteiligt.

Er baute und entwickelte auch sonst viel, vor allem in den neuen Bundesländern. Im Westen, wo die Karriere des Heidelbergers mit einer Baufirma 1969 begonnen hatte, arbeitete Ernst für Großkunden wie Kaufhof, AEG, Novotel, Siemens oder BASF. Im Jahr 2000 werden von der Unternehmensgruppe Roland Ernst Objekte für mehr als drei Milliarden Mark bearbeitet, als Initiator, Generalübernehmer und Investor hatte er allein bis 1997 im In- und Ausland Anlagen für rund 12 Milliarden Mark verwirklicht, und Berlin war seit dem Mauerfall ein Schwerpunkt der Aktivitäten. Er kaufte viele Immobilien von der Treuhandanstalt. Er war, wie es hämisch hieß, ein Gewinner der Wende.

Dann kam ein tiefer Sturz. Einer der größten Investoren Berlins wurde im März 2000 verhaftet, das wirkte in Berlin wie ein Schock, doch die Misere für das Baugeschehen hielt sich in Grenzen, weil viele Projekte schon fertig oder beinahe fertig waren. Die Staatsanwaltschaft Bochum hatte den Stein ins Rollen gebracht, sprach vonn Ermittlungen wegen Untreue, Betrug und Korruption, Berliner Projekte seien nicht betroffen. Für Roland Ernst, der wenig später gegen Kaution wieder auf freien Fuß kam, folgte ein atemberaubender Fall. Zwei Monate später beantragte sein Unternehmen das Insolvenzverfahren, Gläubiger meldeten Forderungen von über einer Milliarde Mark an.

Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ging es etwa um Scheinrechnungen für ein Frankfurter Bauprojekt. Ernst gestand, mit Hilfe dieser Rechnungen zwischen 1996 und 1999 rund fünf Millionen Mark kassiert zu haben, um damit zwei Bahnmanager bestechen zu können. Ernst sprach von einer Zwangslage, er habe dringend Mietverträge gebraucht. Sein Unternehmen war angeschlagen, der Ost-Immobilienmarkt mit hohen Gewinnerwartungen zusammengebrochen.

Vielleicht bekommt Roland Ernst noch einmal bessere Schlagzeilen. Der Verteidiger hat Freispruch gefordert. Aber Ernst sieht sein Lebenswerk zerstört. So siegesbewusst, wie er auf dem Foto wirkt, wird er kaum wieder in die Kamera blicken.

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