Berlin : Auf den rosa Punkt gebracht

Drei Brüder haben nahe dem Mauerpark eine Klanginstallation gebaut, die Geschichte hörbar macht.

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Brüder der Künste.
Brüder der Künste.

Überquert man diesen leuchtend pinken Fleck auf dem Boden, ist das wie ein Eintunken in alte Erinnerungen. Man hört quietschende Schuhsohlen auf Turnhallenboden, eine Trillerpfeife, einen Federball, der geschlagen wird. Dann ruft eine Kinderstimme, bellt ein Hund, klackt ein Tischtennisball. Nur einen Schritt daneben ist es still. Der Platz ist leergefegt, auch die Gruppe von Müttern mit Kinderwagen ist inzwischen davongejoggt.

Auf dem leuchtenden Fleck bekommt man eine Ahnung davon, wie lebendig dieser Ort eigentlich ist. Drei Berliner Klangkünstler, die Brüder Korinsky, haben am Vorplatz der Max-Schmeling- Halle in Prenzlauer Berg eine Klanginstallation eingerichtet. Sie läuft seit Mittwoch bis zum 28. Juli. 15 Jahre ist es her, dass die Halle am Mauerpark in Anwesenheit Max Schmelings eröffnet wurde. Die Installation zum Jubiläum der Halle könnte man übersehen und vor allem überhören, wären da nicht die zwei pinkfarbenen Markierungen. Nur wenn man direkt darauf steht, hört man die Geräusche, die Abel, Carlo und Max Korinsky wochenlang am Platz und in der Halle gesammelt haben.

Abel und Carlo sind eineiige Zwillinge, 27 Jahre alt, ihr Bruder Max ist ein Jahr älter. Die Zwillinge haben gemeinsam studiert, sie wohnen gemeinsam in Wedding, sie machen gemeinsam Kunst. Das „Zwillingsding“ erklärt Carlo so: „Wir haben ein Gespür füreinander, so dass nicht alles fünfmal erklärt werden muss.“ In der künstlerischen Arbeit zahlt sich das aus. Max wohnt nur eine Straße von ihnen entfernt. Er ist nach einem Malereistudium für die visuellen Aspekte der gemeinsamen Arbeit zuständig. Vorhin hat er sich zu seinen Brüdern gestellt und gesagt: „Das ist wie früher an der Ostsee.“ Alle wussten, welche Stimmung er meint. „Wir sind wie die Jacob-Sisters“, scherzt Max. Temporäre Installationen der Brüder gab es in Berlin unter anderem schon im Stattbad Wedding, im U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, am Spreeufer, am Atze-Musiktheater.

Die zwei Lautsprecher, die über das Dach der Schmeling-Halle ragen, sind eine ausgefeilte Konstruktion. Sie senden den Schall gebündelt aus, so dass das Geräusch an einem bestimmten Punkt zu hören. Diese Technik wird in Katastrophengebieten verwendet, um zum Beispiel mit Opfern zu kommunizieren, die anders nicht erreichbar sind.

Die Schmeling-Halle hat über die Jahre vieles gesehen: die Spiele der Füchse Berlin, Basketball-Erstliga-Spiele, Madonna, Robbie Williams, Militärmusikfeste, Wrestlingkämpfe, Schulklassen. Auch was draußen vor sich geht, haben die Korinskys eingefangen und daraus einen fließenden Klangteppich geflickt. Die Motive werden im Zufallsmodus abgespielt. Mit solchen Tonschnipseln kann man ähnlich wie mit alt vertrauten Geschmackserlebnissen die Erinnerung stimulieren. Max hat sich gerade eine Aufnahme angehört, die er vor einem Jahr gemacht hat. „Als ich das gehört habe, wusste ich wieder, was ich an dem Tag anhatte und wie das Wetter war.“

Tagsüber ist die Halle „ein Transitort“, sagt Max. „Besonders am Wochenende pilgern auf dem Vorplatz massenhaft Leute durch.“ In den Abendstunden spielen die Leute hier Tischtennis, fahren BMX, Skateboard, Rollerskates. Vielleicht läuft in der kommenden Woche jemand aus Versehen über den pinkfarbenen Kreidefleck. Wer weiß, welche Türchen sich dann im Gedächtnis öffnen.

Mehr Informationen unter

www.korinsky.com

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