Es ist eine Haltung

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Auf den Straßen der Hauptstadt : So leben Berlins Flaschensammler
Dominik Drutschmann
Flaschensammlerin Nicole Liebmann, 39 Jahre, mit Hündin Aisha.
Flaschensammlerin Nicole Liebmann, 39 Jahre, mit Hündin Aisha.Foto: William Veder

Nicole Liebmann, 39 Jahre
Beruf: Trödlerin
Tageseinnahme: 3 Euro
Bevorzugter Sammelplatz: Hausbesuche

Vor ein paar Wochen saß Nicole Liebmann im Jobcenter, ihr gegenüber ein neuer Sachbearbeiter. Ob sie denn nicht endlich mal richtig arbeiten wolle, fragte der. Ihre spontane Antwort: Nö. Bisher ist sie ja ohne ausgekommen, eine Ausbildung hat sie nicht, mit 17 wurde sie das erste Mal Mutter. Liebmann, heute mit 39 Jahren bereits Oma, ist schwerbehindert, 50 Prozent steht in ihrem Ausweis. Der Magen, die Psyche. Sie deutet auf ihren Kopf. Wenn sie lacht, wie jetzt, wackelt der runde Körper vom Filzhut bis zu den roten Schuhen. Genau genommen dürfe sie gar nicht „normal“ arbeiten. So steht sie am Mittwochmorgen um zehn an der Bernauer Straße am Eingang zum Mauerpark. Zu ihren Füßen kaut Boxermischling Aisha auf einem roten Quietschgummitier.

Den Hund hat sich Nicole Liebmann durch Pfandflaschen finanziert. Dabei geht sie seit ein paar Jahren gar nicht mehr sammeln. Zwei Mal hat sie schlechte Erfahrungen gemacht. Am Boxhagener Platz wurde sie von Jugendlichen angegangen, im Volkspark Friedrichshain jagte ihr ein Vermummter nach. Liebmann hat sich auf Hausbesuche spezialisiert, im Internet auf der Seite pfandgeben.de (siehe Kasten), wo Pfandbesitzer Flaschensammler zu sich nach Hause bestellen können, um das Leergut abzuholen, nennt sie sich „Flaschenfee“. Manchmal nimmt sie ihre jüngere Tochter mit. Die gerade Elfjährige will einen Tablet-PC haben, den soll sie sich selbst verdienen. Zuletzt haben sie gemeinsam 83 Euro in Pfandflaschen bei einem Kunden aus der Küche abgeholt. Mutter, Tochter und Hund wohnen in Friedrichshain, Landsberger Alle. In Prenzlauer Berg aber gibt es mehr zu holen. Seit zwei Jahren ist Nicole Liebmann auf der Online-Plattform angemeldet, mittlerweile hat sie einige Stammkunden. Im Sommer wird sie häufiger angerufen als im Winter, durchschnittlich sechs bis sieben Mal im Monat. Zuletzt war sie wieder bei einer WG in der Wörther Straße, Stammkunden, gab eine Menge zu holen, der Anhänger des Fahrrads gut gefüllt. Im Edeka am Kollwitzplatz hat Liebmann die Flaschen in den Automaten geschmissen. Als auf der Anzeige 7,50 Euro erscheint, tippt ihr die Filialleiterin auf die Schulter. Mehr sei pro Tag nicht erlaubt, sie müsse jetzt gehen. Liebmann hat weitergemacht. „Das hätte ich ja gern gesehen, wenn die Polizei gekommen wäre.“ Liebmann gefällt die Vorstellung. So wie sie sich in der Rolle der Unangepassten, der Aufmüpfigen gefällt.

Sie holt das Pfandgut bei ihren Kunden ab - auf Zuruf

Auf dem Weg vom Mauerpark zur Schönhauser Allee wartet sie an jeder Straßenkreuzung, bis Aisha bei Fuß ist. Erst wenn kein Auto kommt, darf die Hündin gehen. „Verpiss dich!“, ruft Liebmann dann, die derben Worte klingen so herzlich, wie sie vielleicht nur eine gebürtige Berlinerin sagen kann. Der Hund rennt vor, Nicole Liebmann schlendert hinterher. Wenn sie noch mal richtig arbeiten würde, dann als Hundetrainerin. Die Ausbildung aber ist teuer. Also doch wieder mehr sammeln? Wenn jetzt hier auf dem Bürgersteig eine Plastikflasche stünde, sie würde sie mitnehmen. „Da könnte ich nicht widerstehen. Was ich nur nicht leiden kann, ist der Gestank.“ Dem ist sie bei ihrem anderen Job ständig ausgesetzt. Sie arbeitet bei einem Trödler, 1,50 Euro die Stunde. Erst gestern hat sie eine Wohnung ausgeräumt. „Da konnte man nur mit Maske rein, so hat das gestunken.“

Seit zehn Jahren macht sie das, fast jeden Sonntag steht sie auf dem Boxhagener Platz. „Immer nur Trödel, Trödel, Trödel, ich hab die Schnauze voll.“ Zum ersten Mal an diesem Tag wird Liebmann ernst. „Es wäre schön, wenn ich noch so leidenschaftlich wäre wie früher.“ Damals, als jede Wohnungsauflösung noch einer Schatzsuche glich. Immer in der Hoffnung auf den spektakulären Fund zwischen all dem Müll. Der Chesterfield-Tabak ist fast leer, aus den letzten Krümeln baut sie eine halbe Zigarette. Mit einem Quietschen reißt Aisha sie aus den trüben Gedanken. Vor den beiden kreuzt eine Straße den Gehweg. Liebmann begreift erst nicht, dann lacht sie und ruft: „Na, verpiss dich!“

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