Auf den Straßen der Hauptstadt : So leben Berlins Flaschensammler

Einige wühlen im Müll, andere machen Hausbesuche - aber Geld verdienen lässt sich mit dem Sammeln von Pfandgut kaum. Warum tun Menschen das? Wir haben vier von ihnen getroffen.

Dominik Drutschmann
Warum sammeln Menschen Pfandflaschen? Wir porträtieren vier Berliner, die damit Geld verdienen.
Warum sammeln Menschen Pfandflaschen? Wir porträtieren vier Berliner, die damit Geld verdienen.Foto: dpa

Es bringt Struktur ins Leben

Klaus-Peter Ihle, 45 Jahre
Beruf: ungelernt, jobbt in einer Tischlerei
Tageseinnahme: 1,20 Euro
Sammelplatz: Stadion An der Alten Försterei

Freitagabend, Endspurt in Liga zwei, Union gegen Köln. Siebter gegen Erster. Die S3 vom Ostkreuz voll bis unters Dach. Man trägt Rot-Weiß und in der Hand ein Bier. Im Bahnhof Köpenick wartet an jeder S-Bahn-Tür ein Ein-Mann-Empfangskomitee mit Einkaufswagen oder Tüte. Hunderte Flaschen wechseln den Besitzer. Ein Union-Fan, die leere Flasche im Anschlag, steuert den Bollerwagen eines Sammlers an, stellt die Flasche hinein. Der Hund des Sammlers beißt zu, erwischt aber nur die Jeans des Fans. Der Sammler zum Fan: „Entschuldigung, nichts für ungut, hat der noch nie gemacht.“ Dann seitab zum Hund: „Im Prinzip jut reagiert.“

Der Flaschensammler Klaus-Peter Ihl, 45 Jahre, bei einem Union-Spiel.
Der Flaschensammler Klaus-Peter Ihl, 45 Jahre, bei einem Union-Spiel.Foto: William Veder

Rechts neben der Union-Kneipe „Abseits“ führt ein schmaler Waldweg direkt zum Stadion, Sektion 2, Aufgang E-J. Am Ende des Weges, zwischen Bratwurststand und Bierbude, setzt Klaus-Peter Ihle zum Sprint an. Doch ein anderer ist schneller und schnappt ihm die Schultheiss-Flasche, die gerade aus einer Hand auf den Weg fällt, vor der Nase weg. Heute ist nicht Ihles Tag. Das ging schon damit los, dass er zu spät dran war, erst eine Stunde vor Spielbeginn. „Da sind die guten Plätze schon weg.“ Ihle, 45, rote Union-Kappe zu Lederjacke und ausgewaschener Bluejeans, steht jetzt auf dem schlechten Platz und versucht, das Beste daraus zu machen. Zwei Plastiktüten hat er dabei und den Einkaufstrolley, den er nicht brauchen wird.

Seit Februar hat Ihle wieder einen Job in einer Tischlerei. Seitdem sammelt er nur noch am Wochenende. Letztes Jahr war er noch sechs Tage die Woche unterwegs. Das Flaschensammeln hat seinen Tag strukturiert: Morgens etwas länger schlafen, nach dem Mittagessen gegen zwölf Uhr los. Vom Alexanderplatz über den Lustgarten bis zum Brandenburger Tor. Mit der Beute nach Hause, Kaffeetrinken, Abendbrot, dann die nächste Schicht: Gegen 19 Uhr zum Potsdamer Platz, von dort zur Friedrichstraße. Gegen ein Uhr wieder zu Hause. Sonntag war in der Regel frei.

Mehr Berlin. So haben wir das Thema am 26. April im gedruckten Tagesspiegel präsentiert.
Mehr Berlin. So haben wir das Thema am 26. April im gedruckten Tagesspiegel präsentiert.Foto: William Veder

Vom Stadion schallen die Fangesänge herüber. Ihle zieht ein silbernes Feuerzeug aus der Tasche und zündet sich eine Zigarette an. An seinem Handgelenk blitzt eine Uhr, ebenfalls aus Silber. Er trägt seinen Schmuck mit Stolz. „Ich hab eine Menge Geld am Körper hängen“, sagt er. Für insgesamt 600 Euro. Genauso viel hat er im letzten Jahr mit Flaschensammeln verdient. Die Uhr hat er sich davon gekauft und die kleine Kette mit dem Delfinanhänger, die er um den Hals trägt.

Sein Traum: ein Haus zu kaufen, als Heim für Obdachlose

Während einige der anderen Flaschensammler um ihn herum auf die Fans zugehen, steht Ihle regungslos auf seinem Platz, die Tüte vor ihm geöffnet. Ein Fan schmeißt im Vorbeigehen eine Flasche hinein. Ihle bedankt sich leise. Früher habe er am liebsten nachts gesammelt, sagt er. „Da sind weniger unterwegs, die Konkurrenz ist nicht so groß.“ Immer mal wieder haben ihn andere Sammler angeblafft, dass das ihr Revier sei. Ihle entgegnete ihnen, dass das doch ein öffentlicher Platz sei. Gegangen ist er dann trotzdem. „Arroganz kann ich nicht leiden.“

Ihle ist in Leipzig aufgewachsen, in einem DDR-Kinderheim. Vor ein paar Jahren hat er eine Entschädigung bekommen, davon hat er die andere Silberkette gekauft, die er um den Hals trägt. Seit 1997 lebt er in Köpenick, allein. Sein Geld will er später spenden. Sein Traum wäre es, ein Haus zu kaufen, aus dem dann ein Obdachlosenheim wird. Immer mal wieder geht er auch zur Berliner Tafel. Wenn das Geld nicht reicht und auch beim Sammeln nicht genug rumkommt.

So wie heute. Als das Spiel um halb sieben angepfiffen wird, macht Ihle Kassensturz: 15 Flaschen zu je acht Cent, ergibt 1,20 Euro. Das reicht nicht mal für die Zigaretten, die er in der Zeit geraucht hat. Er schaut lange in die Tasche, zählt noch einmal durch. Im Stadion brandet Jubel auf, aber Ihle reagiert nicht, er erzählt von alldem, was noch schieflief. Von den Frauen, die nicht mehr bei ihm sind. Und vom Leben, das ihm manchmal zu viel wird. Zwei Mal hat er versucht, es zu beenden.

Bevor er geht, schaut er das erste Mal zum Stadion. „Ich hoffe, dass die heute gewinnen.“ Das Ergebnis will er sich zu Hause im Videotext anschauen. Er wird sehen, dass Union nach einer 1:0-Führung noch verloren hat.

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