• Auf der Berliner Museumsinsel setzt die Restaurierung der Alten Nationalgalerie ein Signal

Berlin : Auf der Berliner Museumsinsel setzt die Restaurierung der Alten Nationalgalerie ein Signal

Bernhard Schulz

Kaiser Wilhelm I. war anwesend, als 1876 die Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel eingeweiht wurde. 123 Jahre später konnte an der - nunmehr als "Alte" bezeicheten - Nationalgalerie Richtfest gefeiert werden, und der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland hielt die Festrede. Zwischen beiden Daten liegt eine wechselvolle Geschichte, die vor über fünfzig Jahren zur Schädigung und Zerstörung großer Teile der Museumsinsel und ihrer Bauten geführt hat und deren Folgen jetzt erst überwunden werden können. Die Alte Nationalgalerie geht voran: Sie soll zu ihrem (leicht verspäteten) 125. Geburtstag im Herbst 2001 in altem Glanze und neuzeitlicher Technik wiedererstanden sein. Daher das Richtfest am gestrigen Montagmorgen bei passendem Sonnenschein.

Es wurde von allen Beteiligten als "Signal für den Wiederaufbau der Museumsinsel" interpretiert, wie Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, formulierte, nicht ohne die angestrebte Verkürzung der Bauzeit für die gesamte Insel auf ein Jahrzehnt zu unterstreichen. Was anfangs, als Lehmann im Januar die Halbierung der zuvor in Rechnung gestellten Sanierungszeit von zwei und mehr Jahrzehnten forderte, noch kühn anmutete, ist mittlerweile politischer Beschluss geworden. Jetzt kam Gerhard Schröder höchstpersönlich, um den Willen der Bundesregierung zu bekunden, "diese einzigartige Versammlung von Museumstempeln in den nächsten zehn Jahren für die Kultur zurückzugewinnen" - und zwar "in Zusammenarbeit mit den Ländern, insbesondere mit Berlin". Der "Wiederaufbau der Museumsinsel" zähle "zu den zentralen Zielen unserer Kulturpolitik".

Stiftungspräsident Lehmann nannte die genauen Zahlen. Der Bauetat der Stiftung - der vom Bund und dem Land Berlin je zur Hälfte aufgebracht wird, während die Bundesländer lediglich an der Finanzierung des Betriebshaushaltes der Preußenstiftung beteiligt sind - wird von derzeit 140 Millionen Mark auf glatte 200 Millionen im kommenden Jahr angehoben, um danach bis 2003 jährlich um jeweils weitere 20 Millionen anzusteigen. Danach - so Lehmann - folgt bislang noch ein "weißer Fleck".

Die Alte Nationalgalerie, die gestern im Mittelpunkt stand, erhält ein drittes Ausstellungsgeschoss unter dem - runderneuerten - Satteldach, wo sich bislang Luftraum über den mittleren Sälen des zweiten Stockwerks befand. Diese Veränderung der dreißiger Jahre gegenüber dem Ursprungsbau wird also neuerlich verändert. Ansonsten aber versucht der Architekt HG Merz, die denkmalpflegerische Wiederherstellung des Bestandes mit der Einfügung der heute erforderlichen und im Rohbau enorm platzgreifenden Haustechnik zu kombinieren.

Der entscheidende Gewinn für den Besucher soll die damit mögliche Einfügung der Bestände der jetzigen "Galerie der Romantik" in Schloss Charlottenburg sein. Ab 2001 wird diese qualitativ beste Sammlung deutscher Kunst des 19. Jahrhunderts in einem Hause vereint sein - in einem Haus des 19. Jahrhunderts, wie Nationalgalerie-Chef Peter-Klaus Schuster betont: "Das ist das Einzigartige." Die Ausstellungsfläche wächst auf 4 500 Quadratmeter. Die Kosten der Baumaßnahmen betragen 132 Millionen Mark, zu denen noch zwölf Millionen Mark für die bereits fertiggestellte Sanierung der Freitreppe hinzukommen.

Überhaupt ist auf der Museumsinsel bereits einiges geschehen. Florian Mausbach, Präsident des (ausführenden) Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, der Ex-Bundesbaudirektion, wies in seiner Begrüßung von Kanzler und Regierendem Bürgermeister darauf hin, dass bereits mehr als 200 Millionen Mark für Fundamentierungen, Sicherheits- und Brandschutzmaßnahmen und dringende Reparaturen ausgegeben worden seien. Aber erst der im Juni verabschiedete "Masterplan" nach dem Konzept des englischen Architekten David Chipperfield hat den Durchbruch für die Museumsinsel gebracht. Stiftungspräsident Lehmann, ein Mahner zur Eile - "Der Erfolg hängt von einem überzeugenden zeitlichen Verlauf der Baumaßnahmen ab" -, versprach die Realisierung des ehrgeizigen Zieles seitens der "Planer, Architekten, Bauleute, Denkmalschützer und Museumsfachleute". Bleiben also die Geld bewilligenden Politiker. Mausbach schätzt die Gesamtkosten auf 1,8 Milliarden Mark. Der Bundeskanzler hielt sich mit konkreten Zahlen zurück, dafür brachte Eberhard Diepgen seine Lieblingsidee einer geldbringenden Sondermünze einmal mehr ins Spiel. Schröder hingegen warb um die "Hilfe der kunstliebenden Bürgerinnen und Bürger" und kündigte "erste Schritte zur Reform des Stiftungssteuerrechts an" - als Weg zu einer "mäzenatisch gestimmten Bürgergesellschaft".

Zumindest waren gestern Nachmittag die Berichterstatter des Bundestags-Haushaltsausschusses bei der Stiftung zu Besuch. Sie werden von Lehmann entsprechend animiert worden sein, auf dass der kommende Etat hält, was Schröder versprochen hat.

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