Berlin : Auf der grünen Welle geschwommen

Felix Eisenhardt träumte von einem Schiff. Jetzt wohnt er drauf mit Frau und Kindern. Seinen Strom macht er selbst.

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Obenauf. Felix Eisenhardt auf dem Dach seines Schiffs „Helene“. Es liegt vor der Halbinsel Stralau zwischen Treptow und Friedrichshain. Foto: Thilo Rückeis
Obenauf. Felix Eisenhardt auf dem Dach seines Schiffs „Helene“. Es liegt vor der Halbinsel Stralau zwischen Treptow und...

Das Windrad auf dem Oberdeck hat Felix Eisenhardt gerade zur Wartung abgeschraubt, und zwischen Sonne und Solarzellen hängt leider die allzu bekannte Berliner Herbstsuppe. Die Akkus unten im Schiffsbauch sind bald leer. Keine guten Zeiten für einen, der mit seiner Familie energieautark leben will. Aber auch kein Grund zur Beunruhigung, versichert Eisenhardt, als er in den Salon bittet. Dort prasselt ein Feuer im Kamin, aber das ist eher Dekoration. Am Nachmittag, wenn Frau und Kinder nach Hause kommen, wird Eisenhardt sein selbst gebautes Blockheizkraftwerk im Bug anwerfen, auf dass es Licht und warm werde im Schiff.

„Blockheizkraftwerk hört sich so hochtrabend an“, sagt Eisenhardt. Dabei sei es doch bloß ein mit Heizöl betriebener Motor, so wie ein Diesel im Auto. Nur dass dieser hier beim Aufladen der Batterie den großen Rest seiner Energie nicht als Abwärme an die Luft setzt, sondern in die Heizkörper leitet.

Die Sache mit dem Öl ist einer der Kompromisse, die der studierte Geologe und Betriebswirtschaftler eingegangen ist. Ein Behelf für den Winter, wenn das Wohnschiff „Helene“ am Südufer der Halbinsel Stralau im Dunst hängt und das grandiose Panorama des Treptower Parks von bunt zu grau wechselt. Auf dem Wasser zu leben sei schon immer sein Traum gewesen, sagt der 44-Jährige. Vor neun Jahren zog er auf die „Helene“, die er vom Wasser- und Schifffahrtsamt Magdeburg ersteigert hatte. Ein Bauarbeiterquartier aus DDR-Zeiten, mit dem die Familie erst im Osthafen ankerte. Bis sie wegmusste – und spürte, dass Schiffsbewohner in Berlin auf keine Lobby hoffen sollten. Als sie vor Stralau festgemacht hatten, investierten sie Geld und Kraft also lieber in die energetische Selbstversorgung statt in einen Landstromanschluss. Das erleichtert im Fall des Falles auch den nächsten Umzug.

„Strom wird teurer“, steht auf der Titelseite des Tagesspiegels, der zufällig auf dem Wohnzimmertisch liegt. Mehrmals schaut Eisenhardt zufrieden auf die Zeitung. Unter energetischen Gesichtspunkten sei nicht das Schiff als Wohnstatt das Besondere, sondern sein Energiekonzept. Gut, der schwimmende Stahlkoloss hat durch das stets vier Grad warme Tiefenwasser im Winter einen kleinen Vorteil. Andererseits gäbe es in einem Haus viel mehr Speichermöglichkeiten. Wenn Eisenhardt sich etwas wünschen dürfte, wäre es ein Elektrolyseur, der mit dem Wind- und Sonnenstrom des Sommerhalbjahrs Wasserstoff erzeugen würde, aus dem dann per Brennstoffzelle die Energie im Winter käme. Aber davon gebe es noch kein bezahlbares und ausgereiftes Modell für den Hausgebrauch. Als Alternative könnte Eisenhardt allerdings noch mehr Akkus unter Deck verstauen. Platz genug wäre allemal.

Was der Tüftler bisher an Bord hat, ist für sich genommen durchweg unspektakulär: Die einst für 4000 Euro angeschafften Solarzellen liefern bis zu 1,5 Kilowatt, das Windrad für 1500 Euro weitere 900 Watt – also genug für den täglichen Bedarf, sofern Waschmaschine und Trockner nicht unbedingt nachts und gleichzeitig laufen müssen. Das Blockheizkraftwerk hat weitere 6000 Euro gekostet, die Steuerelektronik 2000. Der Rest sind Kleinigkeiten wie die LED-Lichtleiste für den Flur: „Die hab ich von Lidl“, sagt Eisenhardt. 20 Euro, dafür nur 2 Watt und hoffentlich unkaputtbar.

Knapp 500 Liter Heizöl verbrauche er pro Jahr, sagt Eisenhardt und gesteht freimütig auch die Propanflasche, die Durchlauferhitzer und Herd speist und alle drei Monate für 18 Euro befüllt werde. Ganz autark ist er dann also doch nicht – vor allem, weil er auf Hightech verzichtet. Aber er ist immerhin schon so weit, dass er über steigende Strompreise lachen kann. Dazu der großartige Blick aus dem bodentiefen Wohnzimmerfenster auf den Treptower Hafen, vor dem die Spree selbst an diesem trüben Tag ein wenig glitzert. Eisenhardt ist nicht nur im übertragenen Sinne in einer glücklichen Lage.

Besichtigung am 31.10. ab 16 Uhr: Halbinsel Stralau, Weg am Südufer, Zugang über Dora-Benjamin-Park.

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