Berlin : Auf der hellen Seite des Lebens

Terry Gilliam, Regisseur und früheres Monty-Python-Mitglied, über seine Kunstaktion am Potsdamer Platz

Lars von Törne

Das Einstiegstor in Terry Gilliams Parallelwelt sind vier Kunstharzfiguren. Halb menschengroße Spielzeugpuppe, halb kopfloser Zombie, stehen sie neben dem Eingang zur S-Bahn Potsdamer Platz. Wer seinen eigenen Kopf in die leeren Halsöffnungen der Figuren steckt, taucht in die Geschichte des Platzes ein, sieht Filme aus den 20er Jahren und vom Mauerbau, vom Todesstreifen und vom Bauboom der 90er Jahre. Gleichzeitig wird der Betrachter fotografiert, ein Computer fügt später das Porträt einer Collage zahlloser Gesichter aus Vergangenheit und Gegenwart hinzu, die 1800 blinkende Leuchtstofflampen auf der Fassade des gegenüberliegenden Hauses bilden, ergänzt durch zufällig gewählte Worte.

Für Terry Gilliam ist das alles ein großer Spaß, erzählt der Regisseur beim Spaziergang über den Potsdamer Platz. Der kräftige Mittsechziger, der in den 60er Jahren die britische Comedy-Gruppe Monty Python mitgründete und sich später mit surrealen Komödien wie „Brazil“ und dem Science -Fiction „12 Monkeys“ als Filmemacher etablierte, trägt seine grauen Haare vorne kurz und hinten lang. Das Gesicht schmücken Sommersprossen und Lachfalten.

Während er neben seinen Figuren posiert, schwärmt der in London lebende Gilliam davon, welche Freude es ihm bereitet hat, mit einer Gruppe von Künstlern und Technikern seine Freiluftinstallation Past People of Potsdamer Platz zu erarbeiten, die am Donnerstagabend eröffnet wurde. „Ich konnte reden, spielen, Ideen entwickeln – für die Umsetzung waren die anderen zuständig.“

Ein wenig wirkt Terry Gilliam trotz seines Alters wie ein großer Junge, für den sich die Welt in zwei Hälften teilt. Die eine, seine, ist lustig und macht Spaß, die andere nicht. Die Mitte Berlins, das er regelmäßig besucht, gehörte für ihn vor allem während der Mauerjahre zur zweiten Hälfte. So quatschte der Regisseur mal bei einem Besuch am Checkpoint Charlie die DDR-Grenzer von der Seite an, um festzustellen: „Die haben keinen Humor.“ Höchste Zeit also, auf dem alten Grenzstreifen ein bisschen Spaß zu haben, fand er nun. Auch deswegen hat er sich als Ideengeber für ein Projekt einspannen lassen, das den Spaß mit der Kunst und einer Prise Tiefgang verbindet. „Es verändert die Welt nicht, aber macht sie für eine kurze Zeit netter“, sagt Gilliam.

Wobei er schon ein wenig mehr will, als nur nett zu sein. Er will den Besuchern des Potsdamer Platzes eine Brücke bauen in die Vergangenheit. „In Zeiten wie diesen, wo alle immer nur ,Jetzt!‘ schreien, ist Kontinuität sehr wichtig“, sagt er, gerade an Orten wie dem Potsdamer Platz. „Beim Auswählen der Filme war ich schockiert, wie viele dramatische Ereignisse hier stattgefunden haben.“

Die Initiative kam von der Berliner Kuratorin Ingken Wagner, die bereits seit März mit anderen Künstlern die Lichtfassade bespielt. Finanziert hat das Projekt die HVB Immobilien AG, der das Haus gehört. Am meisten Spaß hat Gilliam, dessen neuer Film „Tideland“ in diesem Jahr kommt, das Modellieren der Lehmfiguren gemacht, die die Vorlage für die Figuren abgaben. „Als wäre ich wieder ein Kind.“ Ähnlich spielerisch sollen sich auch die Leute seiner Installation nähern, hofft er.

Past People of Potsdamer Platz bis 8.6. auf der Medienfassade Spots, Potsdamer Platz 10 – am besten nach Anbruch der Dunkelheit oder am frühen Morgen

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