Berlin : Auf der Jagd nach Schwarzarbeitern

Die Baubranche sagt illegal Beschäftigten den Kampf an. Dazu setzt sie auch Privatermittler ein

Anselm Waldermann

In kaum einer Branche ist Schwarzarbeit so verbreitet wie im Baugewerbe. Auf jeden Vollzeitbeschäftigten komme ein „Vollzeitschwarzarbeiter“, schätzt die Fachgemeinschaft Bau Berlin-Brandenburg. Entsprechend hoch ist die Arbeitslosenquote: Mehr als 50 Prozent aller Berliner Bauarbeiter sind ohne Job. Doch nicht nur die Arbeitslosen sind Opfer der Schattenwirtschaft – auch die gesetzestreuen Firmen leiden unter dem Konkurrenzdruck der illegalen Billiganbieter.

„Die Schwarzarbeit verzerrt den Wettberwerb“, klagt Wolf Burkhard Wenkel, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau. „Der Ehrliche ist der Dumme.“ Um wieder gleiche Bedingungen für alle Firmen zu schaffen, setzt Wenkel daher vor allem auf eines: rigorose Kontrolle. Eigentlich ist dafür der Zoll zuständig, aber der kommt nicht allen Übeltätern auf die Schliche. Deshalb hat die Fachgemeinschaft die Sache selbst in die Hand genommen: Seit einigen Monaten beschäftigt der Verband zwei so genannte „Baustellenläufer“.

Herbert Talke (Name geändert) ist einer von ihnen. Seine Aufgabe: Baustellen observieren. Zwanzig Jahre hat er als Zimmermann und Polier auf dem Bau gearbeitet, „da kennt man schon ein paar Tricks“. Wenn auf einer Baustelle etwas nicht stimmt, merkt Talke das sofort. Zum Beispiel, wenn dort Fahrzeuge ohne Firmenlogo stehen. „Wer nichts zu verstecken hat, kann ruhig seinen Namen zeigen“, sagt er. Verdächtig sind ihm auch Arbeiter, die Turnschuhe tragen. „Bei seriösen Firmen haben die Leute eine ordentliche Arbeitskleidung“, erklärt Talke. Auch unregelmäßige Pausen und langsames, ungeübtes Arbeiten deuteten auf illegale Beschäftigung hin.

Seit Mai dieses Jahres haben Talke und sein Kollege rund 140 Baustellen observiert, bei 35 entdeckten sie Auffälligkeiten. Nach wiederholter Prüfung meldeten die Baustellenläufer schließlich 14 konkrete Verdachtsfälle an den Zoll, der für die Bekämpfung der Schwarzarbeit offiziell zuständig ist. Laut Fachgemeinschaft Bau bestätigte sich der Verdacht daraufhin in 13 Fällen. Für Verbands-Chef Wenkel Grund genug, die Kontrollen auszuweiten: Ab Dezember stellt er zwei weitere Baustellenläufer ein – für Observationen in Brandenburg.

Der Zoll nimmt die Dienste der Baustellenläufer gerne in Anspruch. „Die Hinweise sind durchgehend hilfreich“, sagt Lutz Kiewe, Ermittler beim Hauptzollamt Berlin. Mit Denunziantentum habe die Arbeit der Baustellenläufer nichts zu tun. „Es ist doch legitim, dass die Fachgemeinschaft die Interessen ihrer Mitglieder schützt.“ Auch die Gewerkschaft begrüßt die Initiative des Unternehmerverbands: „Kontrolle ist die einzige Möglichkeit, um die Schwarzarbeit in den Griff zu bekommen“, sagt der Geschäftsführer der IG Bau Berlin, Rainer Knerler.

Das sieht auch Talke so. Jeden Morgen stellt er einen Plan auf mit den Baustellen, die er unter die Lupe nehmen möchte. Oft geben ihm Konkurrenzfirmen einen Tipp, aber auch normale Bürger melden sich bei der Fachgemeinschaft Bau mit Hinweisen auf vermutliche Schwarzarbeiter. Vor allem jedoch studiert Talke ellenlange Tabellen mit öffentlichen Ausschreibungen. „Wenn ein Auftrag 100 000 Euro wert ist, und ein Unternehmen unterbietet das mit 50 000 Euro, dann ist das schon sehr auffällig“, sagt Talke. Solchen Baustellen stattet er garantiert einen Besuch ab.

Zum Beispiel in Moabit. An einer größeren Straße graben zwei Männer ein Loch in den Bürgersteig. Sie sind einfach bekleidet, die Baustelle ist mit dünnem Absperrband nur dürftig gesichert. Talke fährt zwei Mal um den Block, dann parkt er in sicherer Entfernung, um die Männer vom Auto aus zu beobachten. „Ungefährlich ist das hier nicht“, sagt Talke. Schließlich seien Schwarzarbeiter zu einigem bereit, um nicht aufzufliegen. Er notiert sich alles und fotografiert den weißen Mercedestransporter, der neben der Grube steht. Dann fährt Talke weiter. „Vorerst kann ich hier nichts machen“, erklärt er. Doch er wird wieder kommen. „Meistens dauert es mehrere Tage, um genug Indizien zu sammeln.“

In Mitte hat Talke mehr Glück. Als er routinemäßig Straßenbauarbeiten beobachtet, fällt ihm ein Haus auf, das saniert wird. Davor steht ein Lkw, unter dessen Abdeckplane Gipsplatten hervorschauen. Das Verdächtige daran: Der Lkw ist ein Mietwagen. Talke freut sich: „Manchmal hilft eben auch der Zufall.“ Er fotografiert alles, doch einen eindeutigen Beweis hat er damit noch nicht. Auch hierher muss er noch öfter kommen. Wenn er genug Anhaltspunkte zusammen hat, wird er damit zum Zoll gehen. Ob die Beamten dann eine Razzia durchführen und tatsächlich Schwarzarbeiter fassen, erfährt Talke nicht – aus Datenschutzgründen. Trotzdem ist er sicher, dass seine Arbeit etwas bewirkt: „Ein paar Leute schrecke ich bestimmt ab.“

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