Berlin : Auf der Kippe

Neukölln, ein Slum: So weit wie Innenminister Schäuble wollen die Bewohner nicht gehen. Oder doch?

Christian van Lessen

„Unmöglich, hier ist doch kein Slum.“ Ulla Boettcher, die Wirtin des Lokals Götterspeise an der Karl-Marx-Straße, versteht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht. Er hält Teile von Neukölln für einen Slum. „Das klingt, als wolle man den Bezirk aufgeben. Und als Vorwand, nichts tun zu müssen“, sagt sie und ärgert sich. Wie viele andere Neuköllner auch, allen voran Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Doch gestern Mittag hört man auf den Straßen auch Stimmen, die dem Bundesinnenminister verhalten Recht geben.

Ulla Boettcher gehört nicht dazu. Dabei hätte sie Grund, mit der Umgebung zu hadern. Ihr Lokal ist erst kürzlich überfallen worden. Aber das „dumme Wort“ vom Slum zeige nur die Ignoranz der Politik. Das Schäuble-Zitat vom Wochenende ist Gesprächstoff. Vor allem der arme Neuköllner Norden hat mit einem schlechten Ruf zu leben, nicht erst seit dem Hilfeschrei der Rütli-Schule.

Verwahrlost und verfallen wie eben in Slums sieht es im Neuköllner Norden nicht aus. „Quatsch ist das mit dem Slum. Wir sind ein Multi-Kulti-Bezirk. Das ist alles“, sagt Rolf-Dieter Wittke vom Lokal Drachen-Höhle an der Richardstraße. Sein Partner Mario Greßmann ergänzt: „Wir brauchen mehr Jugendfreizeitstätten.“ Die Jungen haben einfach zu viel Langeweile. „Vor allem gegenseitiger Respekt ist wichtig.“ Birol Alkan, der Besitzer des Getränkeshops an der Anzengruber-/Ecke Donaustraße, schüttelt den Kopf über Schäubles Aussage. „Ein Slum sieht anders aus.“ Dass von rund 300 000 Neuköllnern vielleicht nur 50 000 Arbeit hätten, dagegen müsse die Politik was tun. Passantin Heike Gottschlich, gebürtige Neuköllnerin, hält das Wort Slum für übertrieben. Aber sie will wegziehen – wegen ihres kleinen Kindes.

Auf der Weserstraße flattert Zeitungspapier durch die Gegend. „Sehen Sie sich doch nur um“, sagt Jessica Russius. „Der Begriff Slum stört mich zwar, aber er trifft schon zu.“ Die gelernte Krankengymnastin hat lange in New York gelebt, in Harlem. Da hätten die Leute selbst was gegen den Verfall getan, etwa verwilderte Grundstücke bepflanzt. Der Stadtteil kenne auch viel Elend, aber die Leute gingen dort höflicher miteinander um. In Neukölln fehle auch das Empfinden für die Umwelt. Keiner fühle sich verantwortlich. „Slum ist zu viel gesagt, aber es ist hier schon schlimm“, sagt auch Dieter Eschert. Von seiner Wohnung aus kann er seit 15 Jahren auf das Gelände der Rütli-Schule blicken. „Die Kinder waren damals anders. Das liegt an den Schulen, nicht an den Eltern.“ Seinen Sohn würde er hier nicht auf die Oberschule schicken: „Untragbar.“ An der Donaustraße sitzen Sonntagmittag Frank Hirschfeld, Wilfried Pohl und Manuela Erdmann auf dem Kellerrost vor einem Aldi-Markt. Von unten pusten die Kühlaggregate Warmluft. Die drei trinken Bier. „Neukölln wird zum Slum“, sagen sie. „Überall, wo man hinguckt, ist Armut.“

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