Berlin : Auf der Kippe

Berlin will Nichtraucher auf jeden Fall besser schützen. Ein Gesetz soll dazu im nächsten Jahr kommen

Annette Kögel

Nachts um eins rauchten in der Ständigen Vertretung am Schiffbauerdamm die Köpfe. „Bei uns saßen Gäste an einem Nichtrauchertisch und wollten sich unbedingt eine Zigarette anstecken“, sagt Harald Grunert, einer der beiden Inhaber der Kultkneipe „Stäv“ in Mitte. Doch der Chef bleibt hart: An 70 von 100 Tischen gilt seit März Rauchverbot. Manche Gäste standen auf und zahlten. „Doch überwiegend bekommen wir ein positives Feedback, dass entsprechend der Selbstverpflichtungserklärung der Gastronomie nur noch an den Rauchertischen und an der Theke geraucht werden darf“, sagt Grunert – selbst Raucher. Die Luft sei besser, die Stimmung trotzdem gut, der Laden weiter voll. Vor allem Touristen, die die Verbote aus der Heimat kennen, nähmen sofort Rücksicht.

Diskussionen wie im „Stäv“ wird es in Berlin jetzt öfter geben: Das Land plant ein eigenes Gesetz zum Schutz von Nichtrauchern. Der rot-rote Senat hat den Schutz von Nichtrauchern in öffentlichen Gebäuden, Krankenhäusern und Gaststätten bereits in der Koalitionsvereinbarung festgeschrieben. Jetzt hat der Bund den Nichtraucherschutz zur Ländersache erklärt. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei/PDS) kündigte das Gesetz fürs nächste Jahr an.

Am heftigsten umstritten ist in Berlin die Frage, ob in Restaurants und Kneipen weiter gequalmt werden darf. Das Land will sich da noch nicht festlegen: Es soll einen Schutz von Nichtrauchern geben, aber wie, ist völlig offen. Rauchverbot für Restaurants und Clubs, Raucherlaubnis für Eckkneipen und Bierzelte, wie es der Bund zuletzt vorschlug?

„Dieses Hin und Her bringt doch nichts. Es muss entweder ein einheitliches Verbot für alle geben, oder eben jeder Gastronom soll weiter selbst entscheiden dürfen“, sagt Stäv-Chef Harald Grunert. Sollten künftig Raucher- und Nichtraucherräume eingerichtet werden müssen, so sei das „nicht für jeden Gastronomen finanzierbar und realisierbar“.

Für ein konsequentes Rauchverbot in Kneipen spricht sich Berlins Nichtraucher-Lobbyist Johannes Spatz von der Initiative „Forum Rauchfrei“ aus. Jeder zweite Raucher sterbe an den Folgen seiner Sucht, da müsse man die Menschen vor sich selbst schützen. Er fordert auch absolutes Qualmverbot für Krankenhäuser. Bei den Kliniken legt sich auch Rot-Rot schon fest. „Wir wünschen, dass es in Krankenhäusern keine Raucherzimmer mehr gibt“, sagt Lompscher-Sprecherin Roswitha Steinbrenner.

„Wenn das Rauchverbot kommen sollte, werden sich schon alle dran gewöhnen“, sagt Lone Bech, Sprecherin der Arena in Treptow. Schon jetzt dürfe während Theatervorstellungen in der Konzerthalle nicht geraucht werden. Dass rauchfrei rocken geht, zeigte ein Konzert der Liedermacherin Tracy. „Die Sängerin hat vorher angesagt, dass bitte niemand rauchen solle, weil der Qualm ihrer Stimme schade. Erst war das Erstaunen groß, aber alle haben sich dran gehalten.“

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