Berlin : Auf der Sonnenbank: Unter der Sonne Neuköllns

Tanja Buntrock

Der Geruch stört sie nicht. Keinen hier. Ob es verbrannte Haut, die Spaghettiröhren-Ausdünstungen der Sonnenbänke oder beides zusammen vermischt mit Schweiß ist, was sanft in der Luft wabert, weiß Sabine S. nicht. Seit zehn Jahren arbeitet sie im Solarium, der Geruch ist immer der gleiche. Wie jeden Tag sitzt sie rauchend im Hinterraum eines Neuköllner Selbstbedienungs-Sonnenstudios und wartet darauf, dass jemand kommt, der Geld wechseln will für den Automaten.

Draußen duftet es derweil nach Sommer. In der Hasenheide werden die Grills angeschmissen. In der stickigen Karl-Marx-Straße ziehen Spaghettiträger-Hemden und Shorts mit Sandalen vorüber. Alles sehnt sich nach einem schattigen Plätzchen, bloß nicht nach praller Sonne. Meint man. Doch im Neuköllner Sonnenstudio von Sabine S., dessen Namen sie nicht nennen will, "weil über Solarien so schlecht geschrieben wird", gehen die Kunden ein und aus. Klick, klack werfen sie die 5-Mark-Münzen in den Schlitz, huschen in die Kabinen. Es ist fast so, als lägen sie lebendig in einem neonbestrahlten Sarg. Bräune aus der Steckdose, ganz anonym. Im Hintergrund dudeln die "Mega-Hits der letzten Jahrzehnte und das Beste von heute".

Sabine S. kontrolliert auf einem kleinen Schwarzweiß-Monitor, wer ein und ausgeht. Dass das Sonnenstudio gut besucht ist, obwohl draußen kostenlos die Sonne scheint, wundert Sabine S. nicht. "Zu uns kommen immer Leute." Warum, weiß sie von den Plaudereien mit Stammkunden: Man wird hier in kürzerer Zeit viel schneller braun, die Bräune ist gesünder, man bekommt weniger Allergien. Davon zumindest sind die Solarium-Gänger überzeugt.

Stammgast Holger Mohs, bronzefarbener Teint, Muskelshirt, 38 Jahre, sitzt mit Sabine S. im dunklen Kabuff beim Kaffee. Er hat schon mehrere Sonnenstudios durchprobiert, weil er sich draußen vor der prallen Sonne fürchtet. "Hier drinnen verbrennt man wenigstens nicht." Außerdem mag seine Frau lieber "einen braunen Mann als einen Käsekuchen". Sabine S. zieht an ihrer Zigarette und nickt: "Man will ja doch gerne braun sein. Blass sieht krank aus", stellt sie klar. Weil hier "keiner gaffen kann, wie etwa im Park oder Schwimmbad", bevorzugt sie selbst ebenfalls den Röhren-Sarg. In letzter Zeit hat die zierliche Frau mit dem hageren Gesicht die Erfahrung gemacht, dass sich ihr SB-Studio zum "Treff für die jungen Leute" entpuppt hat. Schon morgens um halb acht, vor Schulbeginn, kämen die Schüler und "setzen sich nochmal schnell an den Gesichtsbräuner". Am Wochenende trifft sich die Jugend im Warteraum des Sonnenstudios, bevor es in die Disco geht: Es wird gequatscht, geraucht und der Reihe nach die Optik per UV-Strahlung aufgefrischtn. Geld spielt dabei keine Rolle. "Wie viel die Jugendlichen heute zur Verfügung haben, weiß man ja", erklärt sie ganz selbstverständlich. Auch die Verkäuferinnen der umliegenden Geschäfte nutzen die Gunst der frühen SB-Studio-Öffnungszeiten (7 Uhr), um rasch vor ihrem Dienstbeginn nochmal unter die Neonröhren zu springen - "alles Stammkunden."

Von treuen Seelen lebt auch das "Jade Sun"-Studio ein paar hundert Meter weiter in der Herrfurthstraße. Dort schiebt Jessi, 20 Jahre, gerade Dienst. In einer der Kabinen surrt eine Liege. Trotz der Hitze vor der Tür sind auch hier schon im Laufe des Vormittags eine Handvoll Leute aufgekreuzt. Die Gründe sind die gleichen: Schnell braun werden, ohne sich eine Allergie einzufangen. Hier, bei "Jade Sun" putzen die Angestellten die Bänke, sobald die Kunden aus der Kabine sind. Auf den Handtüchern sind zwei Bonbons drapiert, anschließend gibt es ein Freigetränk. Irene, eine treue Solarium-Bräunerin mit Schäferhund, sitzt am runden Tisch im Eingangsbereich und fachsimpelt bei einem Becher Kaffee über die Wirkung von Solarien. "Die stärken das Immunsystem", ist sie überzeugt. Zudem würde man draußen, in der "richtigen Sonne" viel leichter Krebs bekommen. "Das ganze Gerede, dass Solarien schädlich sind, ist alles Quatsch", winkt sie ab, "auf die Dosierung kommt es an." Für die Stammkunden ist das Sonnenstudio zum Plauder-Treff geworden. "Man sonnt sich hier, setzt sich danach hin, trinkt etwas und quatscht", bringt Irene den Bräunungsablauf auf den Punkt. "Wir tauschen uns auch darüber aus, welche Liege die beste ist", sagt sie. Jessi sitzt gelangweilt am Tresen. Genervt wechselt sie den Radiosender. Manchmal, gesteht sie, wenn längere Zeit keiner kommt, schaltet sie Sender ein, von denen sie "sonst noch nie etwas gehört" hat. Info-Radio beispielsweise. Aber lange währt das nicht. Schon bald kommt wieder jemand. Einfach, um zu quatschen. Egal, wie heiß es draußen ist.

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