Berlin : Auf der Sonnenseite

Berlins Wahlkreise – Folge 2: Wohlhabend, gebildet und ein langes Leben. Steglitz-Zehlendorf ist die Hochburg des Bürgertums

Katja Füchsel

Erst kürzlich kam Zehlendorf etwas blass daher. Im neuen Mietspiegel präsentierte sich der Stadtteil im Südwesten mit viel Weiß, etwas Blau und ein wenig Dunkelrot. Übersetzt heißt das: Die Zehlendorfer Mieter leben in guter Wohnlage (rot). Der große Rest aber besteht aus Einfamilienhäusern, Villen, Wäldern und Wiesen (weiß), vielen Seen und einem Fluss (blau). Wenn die Zehlendorfer sich zum Einkauf aufmachen, sagen sie: Wir fahren in die Stadt. Und meinen: Steglitz, Schloßstraße.

Zehlendorf-Steglitz – das ist der bürgerlichste Bezirk Berlins. Hier, zwischen Glienicker Brücke und Schloßstraße, ist das gehobene Bürgertum zu Hause, hier werden die Rekorde des Wohlstands geschrieben. Die Hälfte aller Haushalte verfügt über ein Nettoeinkommen von 2600 Euro aufwärts (18 Prozent in Kreuzberg-Friedrichhain). Die Arbeitslosenquote liegt im Bundestagswahlkreis 80 bei 11,6 Prozent (26,2 Prozent in Kreuzberg-Friedrichshain).

Im Südwesten lebt es sich nicht nur gut, sondern auch lange – das beweist der jüngste Sozialatlas. Weil die Lebenserwartung vom sozialen Status abhängt, liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Mann, jünger als mit 65 zu sterben, 22 Prozent unter dem Berliner Durchschnitt. 77,2 Jahre alt werden die Männer im Schnitt in Steglitz-Zehlendorf (73,5 in Friedrichshain-Kreuzberg). Die Bevölkerung ist überaltert. 19,6 Prozent der Einwohner sind über 65 Jahre alt; mehr sind es nur in Treptow-Köpenick mit 21 Prozent.

In Zehlendorf-Steglitz leben mehr Selbstständige als anderswo, die Dichte der Akademiker ist besonders hoch. Die Wahlbeteiligung ist berlinweit Spitze: Bei der letzten Bundestagswahl lag sie bei rund 85 Prozent. Und in keinem anderen Wahlkreis dürfte es so viele taktische Stimmabgaben gegeben haben: So holte der SPD-Direktkandidat Klaus Uwe Benneter damals den Wahlkreis mit 40,8 Prozent der Erststimmen (CDU-Konkurrent Uwe Lehmann-Brauns kam auf 38,4 Prozent). Bei den Zweitstimmen erhielt die SPD jedoch nur 31,6 Prozent (CDU: 35,3 Prozent). Wahlbeobachter erklärten dies damit, dass viele Grünen-Anhänger ihre Erststimme der SPD gaben. Die Hoffnung der CDU auf ein Stimmen-Splitting von FDP-Wählern ging dagegen weniger auf.

Die Bündnisgrünen sind im „grünen Salon“ Berlins seit einigen Jahren zur Volkspartei geworden. Im Bezirk, der früher jahrzehntelang fest in den Händen von CDU und FDP gewesen ist, bekamen die Grünen bei der Abgeordnetenhauswahl 2001 über 26 Prozent. Längst sind sie an der Bezirksverwaltung beteiligt.

Ein eher schwieriges Jahr liegt hinter der Südwest-CDU, die in den letzten Monaten mehrmals wegen möglicherweise rechtsnationaler Neigungen eines Mandatsträgers ins Gerede gekommen war. Erst hatte sich der Bezirksverordnete Torsten Hippe vor dem 8. Mai in die Nähe von NPD-Positionen geredet. Wenig später wurde die Rede des Bezirksbürgermeisters Herbert Weber bekannt, in der er über Wehrmachtsdeserteure herzog.

Den Menschen in Steglitz-Zehlendorf mag es besser gehen als anderswo, um die öffentlichen Finanzen hingegen ist es wenig besser bestellt als andernorts: Immer mehr Straßen müssen in Tempo-30-Zonen umgewandelt werden, weil die Schäden nicht mehr ausgebessert werden können. Grünflächen werden nicht mehr bewirtschaftet, Spielplätze geschlossen, Freizeitreisen für Senioren gestrichen.

Es gibt da noch einen Rekord, auf den im Südwesten wohl kaum einer stolz ist: In Sachen Hässlichkeit dürfte die Bezirksamts-Residenz Steglitzer Kreisel nicht zu überbieten sein. Ob das mit Asbest belastete Hochhaus saniert oder abgerissen wird, steht noch nicht fest. Es darf im jetzigen Zustand aber nur noch bis Ende 2007 genutzt werden.

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