Auf der Straße : Berlin Alexanderplatz

Sie fühlen sich frei wie die Vögel und verstehen sich als große Familie. Die Bindung an ihr richtiges Zuhause haben die Jugendlichen vom Alex längst verloren. Tine ist 15, auch sie ist aus dem Nest gefallen.

Christina Franzisket
Er gehört zu mir: Anne-Marie zeigt ihrer Freundin Tine die Knutschflecken am Hals ihres Freundes. Tine ist minderjährig und darf aus rechtlichen Gründen nicht gezeigt werden.
Er gehört zu mir: Anne-Marie zeigt ihrer Freundin Tine die Knutschflecken am Hals ihres Freundes. Tine ist minderjährig und darf...Foto: Felix Schmitt

Tine ist irgendwann da. Keiner sieht sie kommen, kein großes Hallo, wie etwa bei Anne-Marie, deren Lachen nicht zu überhören ist. Oder Mama, die mal als Mann, mal als Frau auftaucht, wie es ihr nach der Arbeit in der Schulküche eben in den Sinn kommt.

Tine ist immer Tine. Auch nach vier Wochen auf der Straße wirkt sie noch schüchtern und unscheinbar. Nur ihre Hülle hat sich verändert, sie ist härter geworden, hat sich angepasst: Ihre langen schwarzen Haare hat sie abgeschnitten und nur einen Pony stehen lassen. Der hängt ihr nun in Orange, Pink und Türkis fast bis in die Augen. Sie will Punk sein, wie die anderen. Will nur dazu gehören, sonst nichts. Seitdem Tine auf der Straße lebt, hat sie jeden Tag dasselbe an. Alles in pink-schwarz: Geringelte Strumpfhose, darüber einen Rock und einen Pulli, auf dem „Naschkatze“ steht. Sie reißt ein Loch in die Strumpfhose und klebt sich einen geklauten Aufkleber aus der S-Bahn auf die Lederjacke: „An kalten Tagen Türen schließen“ steht darauf. „Jetzt bin ich Punk“, sagt sie.

Im Januar 2010 kommt Tine, die eigentlich einen anderen Namen hat, auf den Alexanderplatz, um dort zu bleiben. Es sind minus 15 Grad, eine dicke Eisschicht liegt auf dem Asphalt zwischen den Betonklötzen. Der Wind beißt im Gesicht, die Füße schieben übers blanke Eis. Die Weltzeituhr und der Brunnen der Völkerfreundschaft setzen sich kaum vom Grau des Tages ab. Der Fernsehturm ragt wie ein drohender Zeigefinger in den Himmel. An seinem Fuß ein bunter Haufen Jugendlicher. Dicht gedrängt stehen sie zusammen, rauchen und bibbern.

Als Tine 1994 geboren wird, gibt es schon keine Mauer mehr. Osten und Westen sind für sie nur Himmelsrichtungen. Bis sie vier Jahre alt ist, lebt sie bei ihrer Mutter. Die kümmert sich jedoch mehr um ihren Alkoholnachschub als um ihre Tochter. Tine kommt vorübergehend in ein Heim. Als die Mutter Besserung verspricht, muss Tine zurück zu dieser Frau, von der sie heute sagt: „Die interessiert mich nicht.“

Mit zehn Jahren nimmt sie sich ihr erstes Bier aus dem Vorrat ihrer Mutter. Mit der Flasche in der Hand steigt sie im Mietshaus ein Stockwerk höher. Dort wohnt ein Punk: „Das war mein Freund.“ Der Punk ist doppelt so alt wie Tine. Bei ihm fühlt sie sich zum ersten Mal sicher. Sie schauen zusammen fern, hören Musik, und manchmal bleibt sie auch über Nacht, weil sie nicht mehr zurück will in diese Wohnung, einen Stock tiefer, in der ihre Mutter betrunken herumliegt.

Wieder wird der Mutter die Vormundschaft entzogen, wieder muss Tine ins Heim. Dieses Mal für immer. Sie trägt neue Klamotten, geht regelmäßig zur Schule. Selbst Taschengeld gibt es. Einmal die Woche darf Tine in den Schwimmverein. Sie schwimmt, sie kämpft, einmal macht sie bei einem Wettkampf fast den ersten Platz. Tine kümmert sich um jüngere Kinder im Heim. Fast hätte sie es geschafft. Aber ihre Schulfreunde nehmen Drogen, also probiert Tine sie auch. Pillen, Kokain, LSD. „Du hast ja Schiss“, sagt einer, der eines Tages einen Heroinjoint herumzeigt. Tine hatte keinen Schiss. Auf einer Klassenfahrt an der Ostsee probieren sie Pilze: „Das war geil, da hab ich Gargamel am Strand gesucht.“ Bald hat Tine ihren eigenen Dealer, zu dem sie hingeht mit ihrem Taschengeld.

Die Heimleitung verbietet ihr den Umgang mit den Drogenfreunden. Ihr Handy muss sie abgeben. Der Streit eskaliert, Tine fühlt sich wieder abgelehnt. Sie kommt nach der Schule nicht mehr nach Hause, hängt am Alex herum und schläft bei einer Freundin.

Es gab nie Regeln in ihrem Leben. Warum sollte sie sich jetzt daran halten? Sie sieht nur einen Ausweg: Abhauen, zum Alexanderplatz. Am Alex, weiß sie, wird jeder so genommen, wie er ist. Da sind Punker mit schrillen Frisuren, zerfetzten Klamotten und Piercings, schwarz gekleidete Goths mit roten Kontaktlinsen und Parfum, das nach Gruft riecht, Emos, die immer traurig schauen, und Penner, die hier schon immer waren und im U-Bahnhof schlafen.

Mitten unter ihnen stehen Tine und ihre Freunde: Anne-Marie und Mama. Anne-Marie ist 18 Jahre alt. In ihren großen, weichen Lippen, in Nase und Zunge stecken Piercings: „Hab ich mir alle selber gestochen“, sagt sie. Sie trägt einen schwarzen Mantel und hat ihre weinroten, lockigen Haare mit Schaum und Spangen zurechtgemacht. Anne-Marie fängt in diesem Jahr eine Ausbildung zur Frisörin an. Sie will sich keiner Gruppe zuordnen, sie ist selbstbewusst und forsch.

An einem Tag im Februar gehen Tine und ihre Freundin ins Alexa. Bald ist Valentinstag, Tine möchte im Einkaufszentrum für ihren neuen Freund Dragon etwas kaufen. Die beiden Mädchen schlendern Hand in Hand durch das Erdgeschoss des S-Bahnhofs, vorbei an McDonald’s, Tabakwaren, Bäcker und Asia-Imbiss. Es riecht nach Fett, Backwaren und Urin. Oben verschluckt das Gewölbe des Bahnhofs im Minutentakt unter lautem Getöse einfahrende S-Bahnen. In einem Gothicladen im Alexa finden sie schwarze High-Heels, schwabbelnde Gummibrüste und die Attrappe eines Hundehaufens. Anne-Marie bohrt ihren Finger hinein: „Iiihh“, lacht sie und verzieht ihr Gesicht. Tine hat Nietenhalsbänder entdeckt. Kurz darauf stehen sie vor dem Laden und stecken sich gegenseitig Anti-Nazi-Buttons an. Tine streichelt ihr neues Halsband. Anne-Marie mustert sie kritisch: „Du brauchst ein Piercing“ – „Kannst Du mir das stechen?“ – „Klar.“

In einer Apotheke kauft Anne-Marie eine Einwegspritze und Handschuhe. Die beiden nehmen die Rolltreppe zu einem Autoteile-Handel. Auf der Kundentoilette, zwischen weißen Kacheln streift sich Anne-Marie die Handschuhe über: „Hast Du Schiss?“, fragt sie und drückt die Spritze aus der Verpackung. „Ein bisschen“, haucht Tine.

Anne-Marie zieht Tines Unterlippe nach vorn: „Jetzt hör auf zu zittern, sonst fange ich auch noch an.“ Langsam schiebt sie die Nadel durch Tines Unterlippe, zieht sie raus und fummelt den Ring durch das Loch. Tine schaut in den Spiegel: „Ich hab es mir viel schlimmer vorgestellt“, sagt sie und wischt sich einen Tropfen Blut vom Kinn.

Am Nachmittag taucht Tines Freund Dragon im S-Bahnhof auf. Der 16-jährige ist hoch gewachsen, trägt eine grau-weiße Stoffjacke mit Tarnmuster. Die Kapuze hat er über den Kopf gestülpt, geht nach vorne gebeugt, die Hände in den Hosentaschen. Eigentlich heißt er Manuel, doch „Dragon“ klingt gefährlicher. Er bewundert Tines Piercing und ihr Halsband. „Ich hab mein Geld nicht für Drogen ausgegeben“, sagt Tine. Dragon ist stolz auf sie.

Dragon lebt bei seinen Eltern und geht auf eine Hauptschule. Er drängt seine Freundin, endlich wieder zur Schule zu gehen: „Nur so kriegst du dein Leben wieder in den Griff“, sagt er. „Kein Bock“, flüstert Tine und schaut auf den Boden. Die beiden wünschen sich eine Wohnung, einen Job und eine Familie, „wir wollen heiraten“, sagt Tine. Seit drei Wochen sind sie ein Paar. Das ist sehr lang für eine Beziehung, die auf dem Alexanderplatz entstanden ist.

Die Alex-Familie verändert sich ständig: Heute heißt die beste Freundin Kim, morgen kann es auch schon wieder Gina sein. Spätzchen hat schon seit Tagen niemand mehr gesehen, und keiner weiß etwas. Wichtig ist nur das Hier und Jetzt. Heute sind wir hier und heute halten wir zusammen. Tanja hat etwas zu verkünden: „Ich bin schwanger“, sagt sie. Drei Kinder hat sie schon, alle leben in Pflegefamilien. Auch Bibi und ihre Freundin, beide 15 Jahre alt, sind schwanger. Sie wünschen sich etwas zum Liebhaben, hoffen auf eine Sozialwohnung. Die meisten jungen Mütter kommen nach kurzer Zeit wieder zum Alex. Ohne Baby.

Zusammenhalten müssen die Jugendlichen vor allem, wenn es Ärger gibt. Auf einer Treppe haben sie sich niedergelassen, sitzen im Weg, als ein Strom von Passanten zum Ausgang drängt. „Sucht euch doch einen anderen Platz“, meckert ein Mann. „Gammler, geht arbeiten!“ nörgelt ein anderer.

Dann bleibt einer hinter Anne-Marie stehen: „Scheiß Gesocks“, ruft er und tritt dem Mädchen mit voller Wucht in den Rücken. „Du Arschloch, spinnst ja wohl“, schreit sie und Tränen schießen in ihre Augen. Der Mann verschwindet schnell in der Menschenmenge. Sie brüllen ihm hinterher: „Ihr scheiß Normalos!“

Die größten Feinde sind jedoch nicht die Normalos, sondern die Polizisten. Die Delikte der Jugendlichen beschränken sich meistens auf Schwarzfahren, Kiffen und Rauchen im Bahnhofsgebäude. Harte Drogen werden auf dem Alexanderplatz nicht konsumiert, aber es wird gedealt. Und die Punks hinterlassen jeden Tag einen Teppich aus Kippen, leeren Flaschen und Müll. Die Polizei kommt, wenn sich zu viele Jugendliche zusammenrotten.

Zu acht, bewaffnet und mit schusssicheren Westen kreisen sie eine Gruppe Punker ein. Die rücken zusammen. Tine sucht Schutz hinter Dragon. Ein Skinhead steht mitten unter ihnen, kahler Kopf, Springerstiefel. Er hebt sein Bier und alle stoßen an. Einer schreit nach seinem Hund: „Zufall, komm her, Zufall.“ Der dünne, zittrige Mischling mit Schlappohren setzt sich vor die Füße des Punks. „Hau nicht immer ab, du Depp“, sagt der. Ein Polizist zieht ihn aus der Gruppe: „Du hast geraucht! Mitkommen.“ Der Punk zuckt mit den Achseln: „Ich hab nicht geraucht“, sagt er wahrheitsgemäß. Langsam ziehen die anderen ab. Die Polizisten nehmen dem Punk 15 Euro ab, als Strafe. Das Geld hat er den Tag über zusammengeschnorrt.

Die besten Plätze zum Schnorren finden sich im Winter in dem weitläufigen U-Bahnnetz unter dem Alexanderplatz, jetzt im Sommer auch auf dem Platz selbst. „Schönen guten Tag, hätten Sie vielleicht eine kleine Spende?“ oder „ein wenig Kleingeld für Bedürftige?“. Beim Schnorren gibt es klare Regeln: Keine Mütter mit Kindern ansprechen und keine Schwangeren. Es darf vor allem aber nicht gepöbelt werden, das verschreckt auch die Großzügigen. Tine ist nicht gut im Schnorren, sie ist zu schüchtern, traut sich nicht, Leute anzusprechen. „Aus der wird nichts“, sagt eine Punkerin.

Wenn Tine doch ein bisschen Geld gesammelt hat, treibt sie der Hunger zum „Netto“, sie kauft sich Gummibärchen und Schokolade. Oft sitzt sie aber nur da und sehnt den Bus herbei. Der Bus gehört zu einer Streetworker-Organisation, die zweimal pro Woche auf den Alex kommt und belegte Stullen und heißen Kakao verteilt. Hier wird Tine das erste Mal von einer Streetworkerin der Kriseneinrichtung Neukölln angesprochen. „Die wollen mich von der Straße holen“, sagt sie später zu ihrer Freundin. In ihrer Stimme liegt Angst, aber auch ein wenig Hoffnung.

Wenn sie Tine noch mal in ein Heim stecken, haut sie wieder ab, das hat sie allen erzählt. Aber nach den Wochen auf dem Alexanderplatz ist sie sich nicht mehr so sicher. Vor allem wünscht sie sich, mit Dragon zusammen zu sein. Deshalb will sie die Hilfe annehmen und auch wieder zur Schule gehen. Sie hofft auf eine eigene betreute Wohnung. „Dann müssen wir uns nicht immer bei Freunden verabreden, um miteinander zu schlafen.“

Ein paar Monate sind vergangen. Jetzt, im Sommer, kommt Tine nicht mehr so oft zum Alex. „Es gab Streit und jetzt traut sie sich nicht mehr, hat Angst, dass sie auf die Fresse kriegt“, sagt eine Freundin. Sie ist nicht mehr mit Dragon zusammen, er hat schon eine Neue.

Tine wohnt seit einigen Wochen in einer betreuten Wohnung in Wedding. Sie geht jetzt wieder öfter zur Schule. Später möchte sie als Köchin ihr Geld verdienen und eigene Kinder bekommen, sagt sie.

Ziemlich normalo.

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