Berlin : Auf der Suche nach dem Seminar

Am ersten Tag des Sommersemesters haben allein an der Humboldt-Universität rund 3000 neue Studenten angefangen – und gleich die Tücken des Betriebs erfahren

Tilmann Warnecke

Mitte April, an den Berliner Universitäten beginnt das Semester. Ein besonderer Tag für die Neuen – doch gerade denen fällt es oft nicht leicht, sich an der Massenuni zurecht zu finden. An der Humboldt-Universität nehmen diese Woche etwa 3000 Erstsemester ihr Studium auf – 2000 weniger als zum Wintersemester, da viele Fächer wie Jura, Betriebswirtschaftslehre oder Psychologie den Studieneinstieg nur dann anbieten. Wir fragten nach, wie es vier Neulingen an ihrem ersten Tag erging – eine kleine Typologie der Studienanfänger.

Der Kurzfristige: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern“, grüßt ein Karl-Marx-Zitat im HU-Hauptgebäude. Roman Hanig, 21, lernt als erstes, wie Philosophen einen Stundenplan erstellen. „Ist das hier der Einführungs-Notfall-Kurs?“, fragt er die Tutorin Julia im Fachschaftsraum, als er sich auf den letzten Stuhl setzt. Ja, Julia bringt ihm und zehn anderen in einem 30-Minuten-Crash-Kurs bei, worauf Studienanfänger achten müssen. Zu den Erstsemester-Kursen letzte Woche hat Hanig es nicht geschafft; und da er noch arbeiten musste, ist er auch heute zehn Minuten zu spät. Dass der Uni-Alltag Tücken hat, merkt Hanig nach weiteren zehn Minuten. „Ihr müsst alle eine Einführungs-Vorlesung belegen. Die wird dieses Semester aber nicht angeboten“, sagt Julia. Ein Latinum oder Graecum müsse er als Lehramtsstudent auch nachweisen. Hanig scheint das neu zu sein: „Sag mal ehrlich, nützt das überhaupt was?“, fragt er die Tutorin. Später will er sich noch die Begrüßung seines neuen Dekans anhören und vorher noch in die Studienberatung: „Ich will mein zweites Fach von Französisch in Spanisch umändern; das wird ganz schön knapp.“

Der Verwirrte: „Rettungsring“ heißt der Studienführer, den die Campuszeitung der Humboldt-Universität im Foyer des Hauptgebäudes verkauft, und einen Rettungsring braucht David Spanger jetzt ganz dringend. Der 21-Jährige steht verloren zwischen den durch das Foyer hastenden älteren Studenten, guckt verwirrt und sagt: „Irgendwie bin ich noch gar nicht orientiert, wie das hier abläuft.“ An der Uni ist man ziemlich auf sich alleine gestellt, so sein erster Eindruck. Beim Versuch am Morgen, ein Seminar zu besuchen, ist er erst einmal gescheitert. „Muss ich mich beim Professor anmelden oder geht man da einfach so rein?“, fragt er die beiden Studienführer-Verkäufer. „Und wie ist das bei den Vorlesungen?“ Die beiden klären ihn über die Unterschiede zwischen Seminar und Vorlesung auf, aber richtig überzeugt sieht David nicht aus. Sicherheitshalber kauft er sich den Studienführer.

Die Enttäuschte: Für Susanne Engels begann der erste Uni-Tag vor einer verschlossenen Tür. Pünktlich um acht stand sie vor dem Seminarraum, um ihren ersten Kurs zu besuchen: Sprachpraxis Spanisch. Mit ihr kamen fünfzehn neue Studenten. Nur der Dozent tauchte nicht auf – das Seminar startet eine Woche später, erfuhren die Neulinge. Der zweite Kurs überzeugte die 19-jährige Spanisch-Studentin auch nicht – eine einzige Stunde Einführung vom Dozenten war ihr etwas wenig. Wie sich Anfänger in den vielen Gängen des Gebäudes zurecht finden und wo die Kurse stattfinden, teilte der Dozent nicht mit. „Fast alle Informationen findet man nur noch im Internet“, sagt Engels. „Wo man sich einloggen kann, wenn man zu Hause keinen Anschluss hat, steht aber nirgends.“ Deswegen läuft sie jetzt zum Rechenzentrum, um sich einen Online-Überblick zu verschaffen.

Der Zielstrebige: Die erste Vorlesung hat Florian Schulze schon besucht, in der Bibliothek war er auch, „um mal zu gucken, wie das da so abläuft“. Jetzt sitzt der angehende Germanist mit dem Mensa-Essen auf der Wiese im Innenhof der Universität und wirft letzte Blicke auf seinen Stundenplan, den er sich zu Hause ausgedruckt hat. Den Uni-Alltag findet er zwar „ziemlich chaotisch im Vergleich zur Schule“. Da er aber letzte Woche eine Campus-Rallye mitgemacht hat und die Studienordnung „nach langem Grübeln“ auch verstanden hat, kann für ihn das Studium beginnen. Am Ende der Woche geht er auf alle Fälle auf eine Semesteranfangsparty: „Belohnung muss schließlich sein, und neue Leute lernt man da sicher auch kennen.“

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