Berlin : Auf der Suche nach den Mördern und Totschlägern

Werner Schmidt

Die alten Polizeiakten aus Ost-Berlin fehlen, jetzt sollen sie rekonstruiert werdenWerner Schmidt

Fast zehn Jahre nach der Vereinigung mit der DDR hat die Berliner Mordkommission begonnen, ein weiteres Kapitel DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten. Seit dem 1. Dezember 1999 versucht die "Arbeitsgruppe MuK", fehlende Vorstrafen-und Ermittlungsakten von Tätern aus Ost-Berlin zu rekonstruieren. Für eine ganze Reihe von Tätern, die in der DDR als Mörder oder Totschläger ermittelt wurden, existieren nämlich keine kriminalpolizeilichen Ermittlungsakten mehr. "MuK" steht jetzt für Morduntersuchungskommission. So hießen die Mordkommissionen der Volkspolizei.

"Wenn wir die Akten hätten, könnten wir in manchen Fällen schneller ermitteln und vielleicht sogar die eine oder andere Straftat verhindern", ist sich Thomas Kasbaum von der 3. Mordkommission sicher. Auf seine Initiative hin wurde die "AG MuK" gegründet.

Die vermissten Akten verschwanden in den Wirren der Wendezeit. Genaues weiß niemand. Dass die Akten fehlen, war für die Behörde auch eine recht neue Erkenntnis, denn bisher gingen die Ermittler davon aus, dass sämtliche Polizeiunterlagen aus Ost-Berlin übernommen worden waren.

Die ersten Hinweise auf das Akten-Loch gab es bereits 1994 während der Suche nach dem Mörder des acht Jahre alten Daniel Beyer. Die Leiche des sexuell missbrauchten Schülers aus Prenzlauer Berg war Ende Dezember 1994 auf einer Müllkippe in Brieselang bei Falkensee gefunden worden. Bei ihren Ermittlungen befragten die Beamten der Mordkommission auch die Anwohner in der Umgebung von Daniels Wohnung am Kollwitzplatz. Ein Mann, der lediglich als möglicher Zeuge gehört werden sollte, beschimpfte die Fahnder: Nur weil er zu DDR-Zeiten einmal wegen Mordes verurteilt worden sei, sei er doch nicht für jedes Tötungsdelikt verantwortlich. Eine Ermittlungsakte der MuK gab es für diesen Mann trotz seines Eingeständnisses aber nicht.

Bei einem zweiten, bedeutend schwerwiegenderen Fall gab es ebenfalls keine Akten. Für die Polizei war Dieter Henschel ein unbeschriebenes Blatt. Dabei war der nunmehr 50-jährige Bauhelfer aus Kaulsdorf wegen Vergewaltigung in mehreren Fällen zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Die saß er zwischen 1970 und 1980 ab. 1984 wurde wegen desselben Delikts erneut gegen ihn ermittelt. Es gab kein Urteil, aber er wurde ein Jahr lang in der Psychiatrie des Klinikums Buch ambulant behandelt und 1985 als geheilt entlassen. Eine für die 34 Jahre alte Sylke R. verhängnisvolle Fehldiagnose. Denn diese Frau wurde im März 1999 das nächste Opfer Henschels.

Er entführte die Frau, sperrte sie in seinem schalldicht ausgebauten Keller ein und vergewaltigte und missbrauchte sie sieben Wochen lang. Nur durch einen Zufall wurde die Frau in dem Verlies gefunden, nachdem Henschel einen Verkehrsunfall gehabt hatte.

Als die Mordkommission schließlich begann, sich mit den fehlenden Akten und Unterlagen zu beschäftigen, stieß sie zunächst auf die geretteten Tagebücher der MuK, in denen die geklärten Fälle für den Zeitraum von 1961 und 1989 registriert waren. 511 Namen verzeichneten die Tagebücher. Drei Monate lang waren die beiden Mitarbeiter, die die "AG MuK" bilden, damit beschäftigt, herauszufinden, für welche der Täter noch Unterlagen existierten und für welche nicht. Lediglich 101 Akten wurden gefunden.

Bei der Rekonstruktion der fehlenden Akten hatten die Beamten bei der Justiz erste Erfolge. Denn offenbar hatte Ost-Berlin die Akten seiner Häftlinge nahezu vollständig übergeben. Auch das ehemalige Archiv der DDR-Generalstaatsanwaltschaft, das Bundesarchiv und die Gauck-Behörde geben weitere Hinweise. Bis Ende des Jahres hofft Kasbaum, die Rekonstruktion der Akten abgeschlossen zu haben.

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