Auf der Suche nach einem Stadtteil : Wilder, weiter, Wedding

Wüste, Ghetto oder neuer In-Bezirk: Wer oder was bitte ist dieser Wedding, fragte sich Tagesspiegel-Autor Johannes Ehrmann im vergangenen September. Am Mittwochabend hat er dafür den Theodor-Wolff-Preis erhalten. Hier gibt's den ausgezeichneten Text zum Nachlesen.

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Was ist der Wedding? Ghetto oder In-Bezirk?
Was ist der Wedding? Ghetto oder In-Bezirk?Foto: Vincent Schlenner

I. Grau ist die Stadt

Mit der Hässlichkeit geht es schon mal los. Dieser Beton. Dieser Asphalt. Die Müllerstraße: der Schering-Klotz. Das Bürgeramt. Karstadt! Das Finanzamt an der Osloer. Reinickendorfer, Badstraße, ganz egal, alles wenig besser. Graue Nachkriegstürme wachsen aus dem Alltag, an allen Ecken und Enden. Traumhafte Tristesse. Bald vielleicht im neuen Wedding-Blog auf Tagesspiegel.de als Online-Fotostrecke: „Die hässlichsten Gebäude des Weddings“. Absoluter Klick-Garant, Leserliebling, bestimmt.

Und dann biegt man um die Ecke, und dann wird es plötzlich Licht. Bitte was? Ein antiker Tempel, der da dem räudigen U-Bahnhof Pankstraße trotzt. Strahlende Schinkelkirche St. Paul. Vier Säulen für ein Halleluja. Heller Stein, hohe Türen. Schlichtheit. Schönheit. Aha? Ist das jetzt hier die Toskana? Man möchte ihn dann gleich noch mal einbestellen, den alten Christo, damit er das wunderschöne Giebelhaus verhüllt und den kantigen Turm gleich mit, ein bisschen Schutz vor all dem Smog, den die Kiez-Checker in ihren dicken dunklen Audis in die Luft ballern, wenn sie aus der zweiten Reihe vor den Gemüseläden ihre Kickstarts hinlegen. Unter vier Auspuffen geht ja eh schon mal gar nichts hier, eisernes Prollgesetz, Paragraf eins. Oder so.

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Unterwegs im Wedding

Willkommen im Wedding! Nicht „in Wedding“, wie es sonst in dieser Zeitung so sachlich heißt. Nein, dieser Wedding ist ein „der“, ein Typ, und was für einer! Eure Abziehbildchen könnt ihr wegschmeißen, am Grenzübergang Bernauer oder wo immer ihr rüberkommt. Hinter jedem Klischee steht ein Weddinger, der ihm in den Arsch tritt.

Merken: Wer hierherkommt, braucht einen Grund. Die meisten aber schießen schnell quer durch, die verlängerte Stadtautobahn namens Seestraße, die schlangenartige B96 hoch oder runter, unterm Bayer-Kreuz hindurch zum Hauptbahnhof oder weiter in den schönen Westen. Fies und grau ist es links und rechts der Autofenster der Durchreisenden, die überall hinwollen, nur nicht hierher. Nicht leicht dagegenzuarbeiten, wenn man als jahrelanger Draufgucker beginnt einzudringen in dieses staubtrockene Biotop.
Wächst hier was?

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