Berlin : Auf der Umlaufbahn

Heute startet das Sechstagerennen im Velodrom Ein Selbstversuch zeigt, was die Radfahrer bei 45 Grad Kurvenneigung leisten

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Angst ist die größte Gefahr, hat der Trainer im Angesicht der Steilkurven gesagt. Nicht irgendein Trainer, sondern Dieter Stein, vielfacher DDR-Meister, Ziehvater von Weltklassefahrern, sportlicher Leiter des Sechstagerennens. Über die Heilung von Schlüsselbeinbrüchen können wir uns später unterhalten. Jetzt wird gefahren. Am Start: ich, winterfester Alltagsradler, spurtstark vor gelben Ampeln und ausdauernd speziell bei Rückenwind. Vor mir: die Bahn im Velodrom, wo beim Sechstagerennen ab heute die weltbesten Profis antreten – wenn es um den Sieg geht, mit Tempo 70.

Jetzt geht es erstmal nicht um Sieg, sondern um ein Gefühl für das, was die Fahrer auf der höllisch geneigten Bahn leisten, während im Publikum Bier und Ratschläge kursieren. Außerdem geht es ums Überleben. Die Voraussetzungen dafür könnten besser sein. Das Rennrad ließ sich zwar am kleinen Finger in die Arena tragen, aber es muss der Teufel gewesen sein, der hier gespart hat: keine Bremse, keine Schaltung. Dafür ein Direktantrieb: Solange sich das Hinterrad dreht, muss auch getreten werden. Einmal in Schwung, fahre nicht ich das Fahrrad, sondern das Fahrrad fährt mich. Stein klemmt meine Schuhe in die Pedale und schiebt mich an. Ganz innen verläuft eine waagerechte Spur für Weicheier, auf der ich mich gewöhnen soll an dieses Perpetuum mobile, das seine Energie aus meiner unendlichen Furcht holt. Nach zwei Runden fühle ich mich schnell genug, um von der Standspur aufs Parkett zu wechseln. Mit Tempo 35 kommst du auch oben durch die Kurven, hatte Stein gesagt. Also verlasse ich den Boden dieser diabolischen Zentrifuge. Hocharbeiten will ich mich, auf den Kamm der um 45 Grad geneigten Kurven. Ich komme mir pfeilschnell vor, aber prüfen lässt sich das nicht: kein Tacho, kein Stadionsprecher, kein Jubel. Nur 5399 leere Sitzplätze und die Frau vom Location Management, die aus rechtlichen Gründen darüber wachen muss, ob sich bei einem Sturz ein Fahrrad- oder Körperteil ins sibirische Fichtenholz bohrt. Die Reparatur müsste ich selbst bezahlen. Mein Helm schwitzt vor Aufregung. Steilkurve, ich komme!

Auf der Umlaufbahn verändert sich die Richtung der Schwerkraft. Bei zu geringem Tempo würde ich die Kurve herunterfallen wie eine verhungerte Fliege – drei Meter tief. Der Bauch drückt, weil ihn die Schwerkraft weiter nach unten zieht, obwohl die Bahn eher rechts von ihm ist.

Die Gerade ist erreicht, die Neigung lässt nach, die Pulsfrequenz nicht. Beim Geradeausfahren auf den schmalen Reifen traue ich mich erst recht nicht nach oben. Wegen der Gewohnheit und wegen Dieter Stein, der gesagt hatte, dass man von oben besonders hart auf die Schulter fallen kann. Also Tempo für die nächste Kurve! Losloslosloslos, jaaa, und treeeten!! Der Blick folgt der roten und der blauen Linie, zwischen denen ich, nun ja, die halbe Reiseflughöhe erreicht habe.

Auf der nächsten Geraden stelle ich mir schon mal Sportreporterfrage Nummer eins: Was war das für ein Gefühl? Ich werde antworten, dass ich jetzt die ewigen Probleme der Bahn mit den Neigetechnikzügen verstehe. Und… In diesem Moment pfeift etwas Dunkles vorbei. Ein Profi, waagerecht, zwei Meter über mir. Später erfahre ich, dass mich soeben Ex-Sprint-Weltmeister Sören Lausberg überholt hat, der auf der Bahn trainiert.

Ich will anhalten, bevor meine Zunge in die Speichen gerät. Geschwindigkeit lässt sich durch Entkräftung, Unglück oder dosierten Widerwillen abbauen. Das Fahrrad fährt mich noch eine Runde, bevor ich sachte gegen Dieter Stein kippe. Die Frau vom Location Management schaut zufrieden. Stein trennt mich vom Rad. Dann zieht er seinen Pullover ein Stück runter, um mir den Graben über seiner Brust zu zeigen: „So sieht das nach fünf Schlüsselbeinbrüchen aus.“ Aber wenn man keine Angst hat, passiert nichts.

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