Berlin : AUF DEUTSCH GESAGT Blütenlese im Abgeordnetenhaus

Aus „obwohl“ wird „wo“, Maßnahmen werden geschlossen und Gehaltssenkungen umgesetzt – wenn Parlamentarier Fragen stellen

-

Wenn Politiker reden, dann wollen sie für ihre Anliegen werben. In der Regel. Manchmal aber drücken sie sich um klare Worte, weil es Wähler verprellen könnte. Wie Politiker sprechen, und was sie wirklich meinen – alle zwei Wochen von Brigitte Grunert.

Wer fragt, weiß hoffentlich, was er wissen will. Nur kann man da nicht bei allen Abgeordneten sicher sein. Schade, denn auch die Fragestunde zu Beginn jeder Parlamentssitzung dient der Kontrolle des Senats.

Also fragte Sascha Steuer (CDU): „Wie bewertet der Senat die Schließung bewährter und ausgezeichneter Ausbildungsmaßnahmen der Jugendhilfe?“ Sauber, wie er dem Senat Maß genommen hat! Nach einer unschönen Redewendung ergreift man Maßnahmen. Aber Maßnahmen schließen? Nie gehört. Gemeint sind Ausbildungsstätten.

Manche haben das Bürokratendeutsch so verinnerlicht, dass es unsereiner immer erst mühsam ins Reine übersetzen muss. „Bis wann werden die Gehaltssenkungen der Vorstände (der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften) umgesetzt sein?“, wollte Oliver Schrouffeneger (Grüne) wissen. Also Beschlüsse werden in die Tat umgesetzt. Irgendwann aber wurde die Tat verschluckt und schwupp – wieder ein Unwort in die Welt gesetzt. So lassen die Sprachtöter auch das Wörtchen „obwohl“ zu „wo“ verkümmern. Als wollten sie in fliegender Hast die Zeit aufholen, die sie mit umständlichen Formulierungen vertan haben. Der Plan ist noch nicht umgesetzt, wo doch alles darauf wartet. Merke: Wo ist ein Fragewort, und umgesetzt werden Autos, die im Halteverbot stehen.

Wahre Könner sind die Indifferenten, die den Nerv nicht treffen, wenn sie dem Senat auf den Zahn fühlen. Claudia Hämmerling (Grüne) ist für einen BND-Standort, „der weitere nicht mit öffentlichen Mitteln finanzierte Investitionen nicht ausschließt“. Da ist sie wieder, die Leerformel: nicht ausschließen! Nein, ermöglichen muss der Senat Investitionen von Privathand. Doch erwartet man überhaupt verbindliche Antworten auf unverbindliche Fragen? Jutta Hertlein (SPD) kleidete Ärger von Bürgern über Belästigung durch Werbe-Anrufe tatsächlich in diese Frage: „Kann der Senat den Eindruck vieler Berlinerinnen und Berliner bestätigen...?“

Manche vergaloppieren sich grammatikalisch. Jürgen Radebold (SPD) ging es um die Bedeutung „der Konzentration der FHTW auf den Campus Oberschöneweide bzw. den Campus Karlshorst für die Entwicklung Berlins als herausragender europäischer Wissenschaftsstandort“. Meint er, dass der Wissenschaftsstandort herausragend ist? Dann ist der Nominativ richtig, aber die Entwicklung überflüssig. Oder findet er die Entwicklung zu einem herausragenden Standort wichtig? Dann muss er es mit dem Dativ sagen. Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft will sich auch nicht gedanklich auf einen Campus konzentrieren, sondern auf einem Campus siedeln. Gewiss, die Präposition auf wird mit dem Dativ oder dem Akkusativ gebraucht, aber nicht beliebig. Auf den Sinn der Aussage kommt es an.

Dies ist nur eine kleine Blütenlese aus der letzten Fragestunde. Niemand hat sich in freier Rede verheddert, denn die Fragen werden immer schriftlich vorgelegt. Preisfrage an die Fraktionen: Wer redigiert sie?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben