Auf Deutsch gesagt : Komplizierte Regeln

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

Streit gehört zur Politik, er ist ein Teil von ihr. Eine zerstrittene Partei hat natürlich schlechte Wahlchancen. Folglich schwört jeder Parteivorsitzende die Seinen rechtzeitig auf Geschlossenheit ein. Im Rundfunk hörte ich allerdings: „Er beschwörte sie ...“ Nein, er beschwörte sie ganz bestimmt nicht, sondern er beschwor sie.

Der Grund ist klar, schwören zählt zu den unregelmäßigen, stark gebeugten Verben: Sie schwor, sie hat geschworen. Früher sagte man: Er schwur. Heute gilt im Konjunktiv II noch wahlweise „schwüre“ und „schwöre“. Gebräuchlicher ist „schwüre“, um Verwechselungen mit dem Imperativ (Schwöre!) und Konjunktiv I auszuschließen. Er sagte, er schwöre darauf (Konjunktiv I). Aber: Er sagte, er schwüre / schwöre den Eid, er würde ihn schwören, wenn er es nicht schon getan hätte (Konjunktiv II).

Gewiss, es gibt auch Mischformen bei der Konjugation. Früher war zum Beispiel klar: Sie bäckt, buk, hat gebacken. Heute backt und backte man eher, doch wird der Kuchen weiterhin gebacken, nicht etwa gebackt. Die Sprache ist im Wandel, aber das ist kein Freibrief, geltende Regeln zu missachten.

Selbst gute Rhetoriker leisten sich Sprachschnitzer. So meinte der Abgeordnete Martin Lindner (FDP) in einer Debatte: „Neben dem Schaden ist vor allem die Erosion des Rechtsbewusstseins das entscheidende Teil.“ Irrtum, entweder ist die Erosion ein entscheidendes Problem oder der entscheidende Teil des Problems.

Nun kann das Substantiv Teil sowohl Maskulinum als auch Neutrum sein. Als Teil eines Ganzen ist es immer der Teil: der schwierigste Teil der Beratungen; der größte Teil der Abgeordneten ... In der Bedeutung eines einzelnen Stücks ist es hingegen das Teil: jedes einzelne Teil, das defekte Teil, das Ersatzteil. Auch in Verbindung mit besser ist es meist das Teil: Sie hat das bessere Teil erwischt. In manchen Wendungen ist wiederum das Teil ebenso gebräuchlich wie der Teil: Ich für mein Teil sehe das so; sie hat ihr Teil getan, er hat sein Teil/seinen Teil dazu beigetragen. Ach, wie verflixt kompliziert doch die Grammatik sein kann.

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