Auf Deutsch gesagt : Unsinnige Gewächse

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

Alle reden von Kultur, nur steckt oft nicht viel dahinter und klingt es daher bloß hochtrabend. Alles Mögliche wird mit dem schönen Wort Kultur garniert, und sei es irgendeine Unsitte. Was bitte soll man sich zum Beispiel unter der Kultur des Wegschauens vorstellen?

Wie ich in der Zeitung las, sagte ein Mitarbeiter der Jugendstrafanstalt Plötzensee zur Affäre um den Drogen- und Handyschmuggel: „Die Kultur des Wegschauens ist definitiv da.“ Du liebe Güte, man sieht weg aus Bequemlichkeit oder Angst, sich Ärger einzuhandeln. Manch einer sieht durch die Finger, wenn es um Bagatellen geht. Man fragt sich nur, was das mit Kultur zu tun hat.

Im Redetext des Abgeordneten Dirk Behrendt (Grüne) zur Debatte im Abgeordnetenhaus über die Vorgänge in der Jugendstrafanstalt Plötzensee heißt es: „Gerade um der Subkultur im Knast entgegen zu wirken, sind Regeln notwendig.“ Nun ja, mit der Sprachkultur ist es auch nicht weit her. Entgegenwirken schreibt man in einem Wort (wie entgegentreten, entgegenblicken und so fort). Doch bei der Getrennt- und Zusammenschreibung besteht offenbar große Unsicherheit; sonst gäbe es nicht auffallend viele Fehler in Texten von Politikern und in den Anträgen der Fraktionen. Dies aber nur nebenbei.

Bleiben wir also bei der „Subkultur im Knast“, der entgegenzuwirken ist. Die Formulierung hört sich menschenfreundlich an. Der Abgeordnete fügte auch hinzu: „Es bedrückt ebenso, wenn Fachleute berichten, es habe sich eine breite Subkultur mit allen negativen Folgeerscheinungen entwickelt.“ Na fabelhaft! Wir hören: Schmuggeln über Gefängnismauern ist eine Subkultur. Das kann doch wohl nicht sein.

Kultur kommt vom lateinischen cultura und bedeutete Landbau, die Pflege des Geistes und des Körpers. Wir verstehen unter Kultur, knapp gesagt, die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen, der Werte und Lebensformen einer Gemeinschaft. Subkultur ist eine von einer bestimmten Gruppierung der Gesellschaft getragene Kultur mit eigenen Normen und Werten. Kriminalität zählen wir gewiss weder zu den kulturellen noch zu den subkulturellen Werten und Normen.

Eine Freundin erzählte mir neulich, sie habe von einem Politiker, dessen Name ihr entfallen sei, den sonderbaren Begriff Kulturologie gehört. Vermutlich meinte er die Kulturwissenschaften oder die Kulturforschung. Noch steht das Wort in keinem Wörterbuch, doch im Internet liest man es. Womöglich dauert es nicht mehr lange, bis ständig kurz und verschwommen von Kulturologie die Rede ist.

Ach, auf dem weiten Feld der Vorstellungen von Kultur wächst viel Unsinn.

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