Auf Deutsch gesagt : Vom Nutzen des Nützens

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

Die CDU-Fraktion des Abgeordnetenhauses hat den Senat aufgefordert, die planungsrechtliche Entscheidungsbefugnis für das Gebiet Mediaspree an sich zu ziehen, diese also nicht länger dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg zu überlassen. In ihrem Antrag verweist die Union auf die gesamtstädtische Bedeutung dieses Entwicklungsgebiets und meint unter anderem: „Somit könnten auch verborgene oder bislang nicht ausreichend genützte Potenziale für Wachstum und Beschäftigung mobilisiert werden.“

Moment mal, dachte ich, was heißt nicht ausreichend genützte Potenziale? Manch einer lässt einen günstigen Zeitpunkt ungenutzt verstreichen, aber nicht ungenützt. Oder doch? Ein Blick in die Grammatik zeigt, dass man sich über diesen verflixten Umlaut nicht unnütz den Kopf zu zerbrechen braucht. Nutzen oder nützen, das ist gehopst wie gesprungen. Beide Verbformen sind korrekt, in der Bedeutung besteht auch kein Unterschied.

Nur ist das Verb mit dem Umlaut vor allem in Süddeutschland, in Österreich und in der Schweiz gebräuchlich. Nach dem hiesigen Sprachgefühl wird eine Gelegenheit aber lieber genutzt, wenngleich sich daneben bei uns der Umlaut (genützt) eingebürgert hat. Aus dem Süddeutschen kommt ja auch der Konjunktiv bräuchte (von brauchen). Alle Welt sagt mittlerweile bräuchte statt brauchte, obwohl bräuchte laut Duden nicht korrekt ist. Hier mag der Umlaut der Unterscheidung von der Vergangenheitsform im Indikativ dienen. Sie brauchte (bräuchte) sich keine Sorgen zu machen, wenn es ihm gut ginge. Aber: Sie brauchte sich keine Sorgen mehr zu machen, denn es ging ihm wieder gut.

Doch zurück zum Unterschied zwischen nutzen und nützen. Es ist nutzlos, darüber zu grübeln. Es gibt den Nutzen, den Nutznießer und den Nichtsnutz, die Nutzfläche und das Nutzfahrzeug. Wir sehen, bei Zusammensetzungen fehlt gewöhnlich der Umlaut. Andererseits kennen wir das nützliche Werk und das Nützlichkeitsdenken.

Hat das Verb nutzen/nützen eine Vorsilbe, verzichten wir auf den Umlaut und überlassen ihn dem süddeutschen Sprachgebrauch. Ich benutze die BVG. Sie fühlte sich ausgenutzt. Die Aktenmappe war abgenutzt. Man kann es auch mit dem Umlaut sagen (abnützen, benützen, ausnützen), aber er klingt in unseren Ohren ziemlich fremd.

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