Berlin : Auf die Lehre kommt es an

Ein neues Schulfach Wertekunde erfordert auch eine andere Ausbildung Von Wilhelm Gräb

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Wer Schule erlebt hat, weiß, wie wichtig es ist, dass die Lehrer gut ausgebildet sind. Deshalb ist es verwunderlich, dass in der momentan wieder heftig auflebenden Debatte um den Religions bzw. Werteunterricht die Frage nach der Ausbildung der Lehrer eine so geringe Rolle spielt.

Gehen wir einmal davon aus, dass in Berlin ein neues, für alle Schüler und Schülerinnen verpflichtendes Wertevermittlungsfach eingeführt wird. Dann, so sehen es die Pläne von Kultursenator Thomas Flierl (PDS) vor, soll es ein Fach sein, in dem die Schüler über die „normativen Grundlagen“ unserer pluralistischen Gesellschaft unterrichtet und zum toleranten Umgang mit kulturell, religiös und weltanschaulich Andersdenkenden erzogen werden. Das Fach „sollte stark kulturwissenschaftlich geprägt sein, systematisch Querbezüge zu anderen Fächern herstellen sowie kommunikative Kompetenz im Umgang mit anderen Lebenswelten entwickeln“, schrieb Flierl im Tagesspiegel. Das klingt gut.

Was also müssen diejenigen gelernt haben, die dieses weit ausgreifende und anspruchvolle Fach unterrichten? Geschichts- oder Sozialkundelehrer, die im Schnellverfahren zu Wertevermittlungslehrern fortgebildet werden, können den Anforderungen kaum gerecht werden. Denn es kann nicht sein, dass die Ausbildungsanforderungen für dieses komplizierte Wertevermittlungsfach geringer bemessen werden als etwa für Mathematik oder Geschichte. Sonst werden die Berliner Schulen bei der nächsten Pisa-Studie in Sachen Wertevermittlung und bei der interkulturellen Dialogfähigkeit auf den hinteren Plätzen landen.

Stattdessen sollte auch für dieses neue Fach eine wissenschaftliche Ausbildung Voraussetzung sein. Dafür könnte man, langfristig gedacht, einen vollwertigen Magister-Studiengang LER an der Humboldt-Universität einrichten, in dem Theologen, Religionswissenschaftler und Philosophen, Judaisten, Kulturwissenschaftler und Islamwissenschaftler gemeinsam die Studien- und Prüfungsordnung, dann auch den Lehrplan für den Werteunterricht an den Berliner Schulen entwickeln.

Bis es so weit wäre, könnte man auf die ausgebildeten Religionslehrer zurückgreifen. Religion darf an unseren Schulen nur unterrichten, wer ein Studium der Theologie bzw. Religionspädagogik an einer Universität oder Fachhochschule absolviert hat. Die so Ausgebildeten haben auf der Basis des Christentums auch fremde Religionen und Weltdeutungen kennen gelernt. Sie besitzen also die von Flierl gewünschte „interkulturelle Dialog- und Urteilsfähigkeit“.

Bevor ich nach Berlin kam, habe ich an Theologischen Fakultäten in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Religionslehrer ausgebildet. Ich weiß von vielen, die dann an ihren Schulen neben Religion das Alternativfach „Ethik“ oder „Werte und Normen“ unterrichtet haben, schlicht, weil sie durch ihr Studium der Theologie bzw. Religionspädagogik auch für das „weltanschauungsneutrale“ Wertevermittlungsfach am besten qualifiziert waren. Warum sollte das in Berlin anders sein? Wenn sich allerdings herausstellen sollte, dass es gar keine qualifizierten Lehrer für das neue Fach gibt und es lange dauern würde, bis man einen neuen universitären Studiengang entwickelt, dann sollte man zunächst die Qualitätssicherung im Blick auf das Bestehende betreiben. Das aber wäre die Einrichtung des Faches „Religion“ als ordentliches Unterrichtsfach. Für diejenigen, die die „weltanschauliche Neutralität“ (Flierl) bevorzugen, käme dann als Alternative das neue Wertevermittlungsfach in Frage.

Der Autor ist Dekan der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität. Bisher schrieben Positionen zum Thema Ethikunterricht: Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann (5. März), Bildungssenator Klaus Böger, SPD (6.März), Wilfried Seiring, Direktor des Ausbildungsinstituts für Humanistische Lebenskunde an der TU (24. März), CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer (27. März), Kultursenator Thomas Flierl, PDS (29. März), Martin Kirchner, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Berlin-Wedding (30. März), FDP-Fraktionschef Martin Lindner (5. April), Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister, SPD (8. April).

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